„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

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Freitags-Gedanken am 18. Oktober: Dankbarkeit

Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen
(Cicero)

In dem Zitat von Cicero, einem Römischen Staatsmann und Philosophen aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, wird die Dankbarkeit als eine Tugend bezeichnet. Der Begriff Tugend mag uns ein wenig antiquiert erscheinen und wird heute eher selten verwendet. Unter Tugenden verstehen wir die positiven Potenziale und Eigenschaften unserer Seele, die die Grundlage unseres Charakters bilden und uns Glück und Zufriedenheit bescheren können, wenn wir sie zur Entfaltung bringen. Müßig zu erwähnen, dass ein jeder von uns nicht nur Tugenden sondern auch Untugenden in sich trägt. Aber vielleicht können wir die letzteren ja mit der Zeit in Tugenden verwandeln? Die Dankbarkeit scheint mir ein wichtiger Schlüssel für diese Möglichkeit zu sein. Sie ist mit einem tiefen Gefühl verbunden, das aus einer inneren Grundhaltung erwächst bzw. erwachsen kann. Doch wodurch zeichnet sich diese Grundhaltung aus?

Wir alle wissen, dass es Menschen mit vergleichbaren Schicksalen und in vergleichbaren Lebenssituationen gibt, die damit völlig unterschiedlich umgehen. Während der eine den Fokus auf die negativen Dinge in seinem Leben legt, unzufrieden ist und sich vielleicht sogar in seinem vermeintlichen Elend häuslich einrichtet, gelingt es einem anderen einer zumindest von außen noch so ausweglos erscheinenden Situation noch etwas Positives abzugewinnen, für das er dann sogar noch Dankbarkeit entwickeln kann. Die Voraussetzung für Dankbarkeit ist die Fähigkeit, das Wahre, das Schöne und das Gute, das was uns förderlich ist in den Dingen, in der Natur, im Verhalten und den Handlungen anderer Menschen und in allem, was uns widerfährt, zu entdecken. Dankbare Menschen warten nicht auf das große Ereignis, durch das ihr Leben in eine positive Richtung gelenkt wird, nicht darauf, ihrem Traumpartner zu begegnen, den tollen Job zu ergattern oder sechs Richtige im Lotto zu bekommen. Sie sind vielmehr in der Lage, auch in ihrem ganz normalen Alltag Gefühle von Dankbarkeit entwickeln.

Wir können für eine gute Mahlzeit ebenso dankbar sein wie für eine liebevolle Geste eines Mitmenschen, für ein nährendes Gespräch unter Freunden ebenso wie für unser Lebens-Schicksal oder die gesamte Schöpfung, von der wir uns als Teil empfinden. Ja wir können selbst dann Dankbarkeit empfinden, wenn es uns einmal nicht so gut geht. Auch wir haben schließlich schon Schönes erlebt und vielleicht führt uns die momentane Durststrecke ja zu ganz neuen Erkenntnissen?! Hilfreich für das Aufkommen des Gefühls der Dankbarkeit könnte es sein, einmal (Zwischen-)Bilanz zu ziehen und darüber nachzudenken, was wir bis heute schon alles erreicht haben, auch wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Sicher wird uns dann eine ganze Menge einfallen, wofür wir durchaus dankbar sein können.

Dankbarkeit ist keine isoliert zu betrachtende Tugend, sondern durchaus verwandt mit einigen anderen Eigenschaften, die wir manchmal gar nicht so genau von ihr abzugrenzen vermögen. In den Tugendkarten des „Virtues Project“ habe ich einige ähnliche Eigenschaften gefunden, die meiner Meinung nach  eng mit der Fähigkeit zur Dankbarkeit verbunden, ja vielleicht sogar Voraussetzung für diese sind. (Herausgegeben von Dr. Shima Poostchi. Shira Publishing, 2. Auflage, 2014). Die hier gewählte Reihenfolge der aufgelisteten Tugenden ist nicht willkürlich gewählt, sondern stellt eine Art Steigerung bis hin zur Dankbarkeit dar.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit bedeutet die Wahrnehmung auf die Umgebung zu richten und die Bedürfnisse im Hier und Jetzt zu erkennen. Wir sind konzentriert bei dem, was wir tun und beobachten genau, was in jeder Situation gefragt ist. Sie bedeutet ehrliches Interesse an Menschen, die uns begegnen, zu zeigen. Wir achten auf Vorlieben und Abneigungen und überlegen, wie unsere Worte und Handlungen auf andere wirken. Aufmerksamkeit hilft uns dabei, uns über unsere Ichbezogenheit zu erheben und Verbundenheit mit anderen zu fühlen. Kleine aufmerksame Zeichen oder Geschenke können den Tag eines Menschen erhellen. Lebenslange Aufmerksamkeit durchstrahlt unsere Beziehung mit anhaltender Freude und tiefem Vertrauen.

Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Mal richtig sieht. (Christian Morgenstern)

Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet, aufmerksam und wach zu sein im Hier und Jetzt. Es gilt, die Aufgaben wahrzunehmen, vor die einen das Leben stellt. Wir denken über das Leben nach und sind uns unserer Handlungen, Worte und Gedanken bewusst. Wir betrachten unser Umfeld aufmerksam und nehmen es mit all unseren Sinnen wahr. Auf die Bedürfnisse anderer zu achten ist uns ebenso wichtig, wie uns für alle Dinge angemessen Zeit zu nehmen. Achtsamkeit hilft uns, die Emotionen zu spüren, aber uns nicht von ihnen steuern zu lassen. Wir verwandeln Ärger in Gerechtigkeit. Wir verwandeln Neid in Mitfreude. Wir fördern unser inneres Sehvermögen und nehmen die Lektionen, die unser Leben bereithält, an. Achtsamkeit verleiht uns Ausgeglichenheit und Selbstbewusstsein.

Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.
(Jiddu Krishnamurti)

Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet, das Leben aus ganzem Herzen so anzunehmen, wie es ist. Wir sind dem Jetzt gegenüber offen, anstatt uns etwas anderes zu wünschen. In allen Lebenslagen stellen wir uns ehrlich und mutig den Tatsachen. Akzeptanz hilft uns, unbeirrt und flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Sie hilft uns, die Lektionen des Lebens zu lernen, um mit neu gewonnener Einsicht und gereiftem Bewusstsein voranzuschreiten. Wir akzeptieren andere und uns selbst mit all jenen Eigenschaften, die wir besitzen – und vermeiden es, das zu verurteilen oder zu kritisieren, was uns fremd ist. Erst sich selbst zu akzeptieren ermöglicht es, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und sie für sich und andere einzusetzen.

Das größte Geschenk, das man anderen machen kann, ist das Geschenk bedingungsloser Liebe und Akzeptanz.  (Brian Tracey)

Anerkennung

Anerkennung bedeutet, das Gute im Leben zu schätzen. Wir erkennen die Geschenke, die wir erhalten, und sind dafür dankbar. Wenn wir anderen gegenüber eine Anerkennung ausdrücken, schätzen wir die Tugenden, die sie leben. Liebe gedeiht auf dem Boden der Anerkennung. Unsere Verbundenheit mit anderen wächst, wenn wir ehrlich wahrgenommen werden und Anerkennung spüren. Die geistige Entwicklung, die das Leben von uns fordert, verlangt sowohl die Wertschätzung unserer Bemühungen, als auch die Anerkennung unseres Fortschritts. Bei unangenehmen Dingen des Lebens würdigen wir die Lernerfahrungen – sogar in schmerzlichen Zeiten. Für die Schönheiten und Freuden des Lebens schärfen wir unsere Wahrnehmung und schätzen jeden einzelnen Tag.

Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren. (Albert Schweizer)

Zufriedenheit

Zufriedenheit ist eine Haltung der Dankbarkeit und die Grundlage unseres Seelenfriedens. Sie fördert eine grundlose Lebensfreude. Sie bedeutet ganz bei uns zu sein und uns nicht mit anderen zu vergleichen. Wir vertrauen darauf, dass wir genug haben und uns selbst genug sind. Wenn wir zufrieden sind, spüren wir keine Gier und Neid, sondern ein inneres Wohlbefinden. Wir erkennen das passende Maß bei allen Dingen. Zufriedenheit ist die beste Medizin gegen äußere Verlockungen. Wenn wir zufrieden sind, leben wir voll und ganz im Jetzt. Diese Haltung gibt uns die nötige Tatkraft, um unsere Träume und Ziele zu erreichen. Wir schätzen das Leben und alles, was es mit sich bringt.

Jeder kann glücklich sein, wenn er ohne Sorgen, wohlauf, gesund, erfolgreich, heiter und fröhlich ist; ist er aber in unruhigen und harten Zeiten und in Krankheitstagen glücklich und zufrieden, so zeugt das von Seelenadel.  (‚Abdu’l Bahá)

Staunen

Staunen bedeutet, für die Schönheit und die Mysterien des Lebens offen zu sein. In der Haltung der Achtsamkeit nehmen wir staunend die inneren und äußeren Wirklichkeiten wahr. Es ist die Wertschätzung, die unsere Seele demgegenüber empfindet, was kostbar und inspirierend ist. Betrachten wir die Erhabenheit der Schöpfung, können wir nur staunen und empfinden Dankbarkeit. Durch Reflexion können wir die Zeichen und die Wunder erkennen, die den Weg unseres Lebens säumen. Staunen ermöglicht uns, den Sinn des Lebens zu entschlüsseln und gewährt uns tiefe Einsichten in die Wahrheit. Staunen macht unser Leben aufregend und erfüllend.

Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.
(Pearl Sydensticker Buck)

Und nun kommen wir zur Königsdisziplin oder –wie Cicero es ausgedrückt hat – zur Mutter aller Tugenden:

Der Dankbarkeit

Dankbarkeit bedeutet, Wertschätzung gegenüber dem Leben zu zeigen. Dank auszusprechen verbindet uns mit anderen und bringt uns und ihnen Freude. Jeden Tag nehmen wir uns die Zeit, uns Dinge ins Gedächtnis zu rufen, für die wir dankbar sind. Über diese Kostbarkeiten in unserem Leben nachzusinnen gibt uns Kraft und Energie. Dankbarkeit hilft uns, in schwierigen Situationen Hoffnung zu schöpfen und kann unsere Trauer lindern. Wir betrachten die Dinge in ihrer Verhältnismäßigkeit. Wenn wir Dankbarkeit üben, ziehen wir mehr und mehr Segnungen an, da uns der Ausdruck unserer Dankbarkeit für das Empfangen neuer Gaben öffnet. Dankbarkeit führt zu Zufriedenheit … und umgekehrt.

Für beides danken: Für das, was wir haben, und für das, was wir nicht brauchen. (Unbekannt)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausfindig-Machen von Dingen, Situationen und Ereignissen, für die ihr euch in Dankbarkeit üben könnt J

Freitags-Gedanken am 11. Oktober: Der Hüter der Schwelle und die drei Tiere

Nach den Erkenntnissen Rudolf Steiners verfügten in früheren Zeiten alle Menschen über die Fähigkeit zum Hellsehen. Sie lebten vollkommen selbstverständlich im Bewusstsein der Geistigen Welt und ihrer Wesenheiten. Es bedurfte keiner Religionen, an die sie glauben sollten, denn sie erlebten die Geistige Welt ja selbst und allgegenwärtig. Diese Art des Hellsehens war jedoch verbunden mit einem dämmerhaften Bewusstseinszustand, einer Art Traumbewusstsein. Nach und nach ging diese Form des unmittelbaren Zusammenlebens mit „den Göttern“ verloren und nur noch einzelne Eingeweihte oder Schamanen – je nach Kultur – konnten den Blick in die geistige Welt bewahren oder durch das bewusste Sich-Hineinversetzen in bestimmte Bewusstseinszustände willentlich herbeiführen.

Spätestens in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten ist der westliche Mensch aus diesem Hellsehen gänzlich hinausgewachsen. Während seiner Fortentwicklung nahm das wache Tagesbewusstsein eine immer dominantere Stellung ein. Religionen erhielten die Erinnerung daran aufrecht, dass es eine Geistige Welt gibt. Doch die Menschen erlebten sie nicht mehr, sie mussten glauben, was ihnen die Kirchen und ihre Vertreter davon erzählten. Doch der moderne Mensch möchte wissen, statt glauben und so wundert es nicht, dass die Religionen immer mehr in den Hintergrund traten, zumindest in der westlichen Welt. An ihre Stelle trat die Erforschung des sinnlich Erlebbaren, der Natur bzw. Materie durch die modernen Naturwissenschaften. Wissen statt Glauben lautete nun die Devise.

Die angedeutete Entwicklung bis zu diesem Zeitpunkt ist gut und richtig und befindet sich vollkommen im Einklang mit dem Weltenplan und der vorgesehenen Evolution des Menschen. Doch der Mensch soll ein freies Wesen werden und so ist die Erfüllung des Weltenplans in der Zukunft nur eine Option. Eine andere, auf die wir jedoch an dieser Stelle nicht weiter eingehen möchten, wäre, dass die Menschheit vollkommen in der Materie versinkt, sich dem Transhumanismus mit allen seine technischen Möglichkeiten hingibt und sich damit endgültig von allem Geistigen abwendet. Diejenigen, die sich diesem Szenario anschließen, begeben sich vollständig in die Hände Ahrimans, dem großen Gegenspieler und Leugner allen Geistes.

Dagegen beinhaltet die zuerst genannte Option unseres weiteren Weges durch die Erdentwicklung, dass wir heute auf der Grundlage unseres klaren Wach- bzw. Tagesbewusstseins eine völlig neue Art der Hellsichtigkeit entwickeln, die es bisher auf dieser Erde noch nicht gegeben hat. Vermutlich erwerben nur wenige diese neue Gabe bereits in der jetzigen Inkarnation, doch können wir durchaus schon heute ganz bewusst mit den Vorbereitungen für den Erwerb dieser Fähigkeit beginnen, vorausgesetzt natürlich, dass wir uns für diesen Entwicklungsweg entscheiden wollen.

Im Rahmen der modernen Esoterik werden viele Methoden angeboten, die uns einen schnellen Erfolg versprechen. Sie wollen uns mit Hilfe von Luzifer dazu verführen, unvorbereitet in die Geistige Welt Einlass zu erbitten. Das ist ein gefährlicher Weg, denn wir könnten uns ohne entsprechende Schulung im Dschungel der außer- und übersinnlichen Kräfte verlieren. Wie auf der Erde gibt es auch in der Sphäre der Geisteswelt nicht nur wohlwollende Wesen, die es gut mit uns meinen. Deshalb ist es ratsam, einen geregelten Schulungsweg zu beschreiten, der vielleicht langsamer, dafür aber auf solider Grundlage zum ersehnten Ziel führt. Wenn wir ihn befolgen, bekommen wir es zunächst einmal mit dem Hüter der Schwelle zu tun, der uns erst dann ins Geistige schauen lässt, wenn wir die nötigen Vorbereitungen dazu getroffen haben. Ein Meilenstein dazu ist selbstverständlich die wahrhaftig angestrebte Selbsterkenntnis, die eine unbedingte Voraussetzung für alle Welterkenntnis darstellt. Selbsterkenntnis vollzieht sich im Allgemeinen in einem langen, oft lebenslangen Prozess. Immer wieder werden wir mit Krisensituationen konfrontiert, die diesen Prozess beschleunigen können. Schlüsselerlebnisse, egal ob positive oder negative lassen uns unseren bisherigen Weg überdenken und möglicherweise korrigieren.

Unterstützen kann uns dabei das Farb-Pflege System von Aura-Soma®. Die Farben, die wir wählen, sagen etwas über uns und unseren jeweiligen Standpunkt im Leben aus. Zusammen mit den in den Ölen enthaltenen Informationen der Pflanzen- und Mineralwesen helfen sie uns, das, was im Unbewussten in uns schlummert, ins Bewusstsein zu heben. Vicky Wall, die diese Lichtwesen (Aura=Licht, Soma=Wesen) mit Hilfe der Geistigen Welt auf die Erde geholt hat, drückte es so aus:

Du bist die Farben, die du wählst und diese reflektieren die Bedürfnisse deines inneren Wesens.

Die Anwendung der Körperöle kann beschleunigte und nicht immer sanft verlaufende Erkenntnisprozesse in uns auslösen. Doch dieser Weg kann nicht mehr und nicht weniger als eine Unterstützung sein und enthebt uns keinesfalls der oft so anstrengenden Arbeit an uns selbst.

Rudolf Steiner machte drei Wesen in uns ausfindig, die die drei in uns wirkenden Kräfte Denken, Fühlen und Wollen daran hindern können, sich zum Geistigen hin auszurichten. Es sind die drei Widersacherwesen  Zweifel, Hass und Angst, die mit den genannten, uns innewohnenden Kräften korrespondieren. Anschaulich beschreibt der durch Rudolf Steiner sprechende Hüter der Schwelle diese Hemmnisse als ziemlich unsympathische Tiere:

Doch du musst den Abgrund achten,
Sonst verschlingen seine Tiere
Dich, wenn Du an mir vorübereilt’st.
Sie hat deine Weltenzeit in dir
Als Erkenntnisfeinde hingestellt.

Schau das erste Tier, den Rücken krumm,
Knochenhaft das Haupt, von dürrem Leib,
Ganz von stumpfem Blau ist seine Haut;
Deine Furcht vor Geistes-Schöpfer-Sein
Schuf das Ungetüm in deinem Willen;
Dein Erkenntnismut nur überwindet es.

Schau das Zweite Tier, es zeigt die Zähne
Im verzerrten Angesicht, es lügt im Spotten,
Gelb mit grauem Einschlag ist sein Leib;
Dein Hass auf Geistes-Offenbarung
Schuf den Schwächling dir im Fühlen;
Dein Erkenntnisfeuer muss ihn zähmen.

Schau das dritte Tier mit gespalt‘nem Maul,
glasig ist sein Auge, schlaff die Haltung
Schmutzigrot erscheint dir die Gestalt;
Dein Zweifel an Geistes-Licht-Gewalt
Schuf dir dies Gespenst in deinem Denken;
Dem Erkenntnisschaffen muss es weichen.

Erst wenn die drei von dir besiegt,
Werden Flügel deiner Seele wachsen,
Um den Abgrund zu übersetzen,
Der dich trennet vom Erkenntnisfelde,
Dem sich deine Herzenssehnsucht
Heilerstrebend weihen möchte.

In der zweiten Strophe wird das erste Tier, die Angst vor allem Geistigen, charakterisiert, die sich in den Willen einschleicht. Ihr sollen wir mit Erkenntnismut entgegen treten. Das zweite Tier, der Hass auf das Geistige hemmt unsere Seele, unser Fühlen. Hier hilft als Gegenmittel das Erkenntnisfeuer und schließlich hindert uns das dritte Tier, der Zweifel an der Gewalt des Geisteslichtes, daran, unser Denken dem Geistigen gegenüber zu öffnen. Nur das Erkenntnisschaffen vermag uns über den Abgrund zu tragen. Erst wenn wir diese Widersacherkräfte in uns gemeistert haben, kann uns also die Überwindung des Abgrunds zwischen physischer und geistiger Welt in angemessener Art und Weise gelingen. Dann kann uns der Hüter der Schwelle die Gnade erweisen, uns hinüber zu lassen.

Die Kehrseite der Freiheit ist also, dass wir uns nicht wie in früheren Zeiten bequem und ganz ohne Eigenanstrengung auf die Geistigen Wesen verlassen können. Heute sind wir selbst in der Verantwortung, die positiven Kräfte in uns, die als Erkenntnismut, Erkenntnisfeuer und Erkenntnisschaffen beschrieben werden, zu aktivieren. Nur so kann die erwachsen werdende Menschheit zu einer ganzheitlichen Selbst- und Welterkenntnis gelangen.

Freitags-Gedanken am 4. Oktober: Reiseimpressionen zur Michaelszeit

Über den Michaeli-Tag am 29. September unternehme ich eine kleine Reise nach Basel, eine hübsche Stadt am Rhein mit einem ganz eigenen Flair. Auf der einen Seite empfinde ich sie durchaus als  lebendig und quirlig, auf der anderen Seite aber auch als beschaulich und eine gewisse Ruhe ausstrahlend. So, als ob die Welt hier noch ganz in Ordnung wäre. Marktstände mit kulinarischen Spezialitäten finde ich ebenso wie Kitschläden und hochpreisige Boutiquen. Ich höre viel Italienisch, Französisch und Schwitzer Dütsch, sehe zahlreiche Inder und Afrikaner im Straßenbild. Die Menschen, die mir auf der Reise begegnen, sind allesamt freundlich und hilfsbereit.

Basel und Dornach in unmittelbarer Umgebung sind jedenfalls sehr geeignete Orte, um ein wenig auf den Spuren Michaels und gleichzeitig Rudolf Steiners zu wandeln. Wieder einmal wird mir bewusst, wie eng doch diese beiden Wesen – der Mensch Rudolf Steiner und das hohe Geistwesen Michael (mittlerweile kein Erzengel mehr, sondern schon auf der Stufe eines Zeitgeistes stehend) – miteinander verbunden sind. Ja man kann sagen, Rudolf Steiner hat die bis dahin ausschließlich im Geistigen wirksame Michaelschule durch die Begründung der Anthroposophie auf die Erde geholt.

So sind denn auch die insgesamt vier verschiedenen Phasen dieser Michaelschule Thema der Buchvernissage von Thomas Meyer, die ich am Michaelstag besuchen darf. Thomas Meyer ist ein bekannter Autor und Verlagsleiter des Baseler Perseus Verlags, der sich mit zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen um die Verbreitung der Wissenschaft vom Geist verdient gemacht hat. Wie Axel Burkart und Hans Bonneval zählt er zu jenen Urgesteinen, die den wahren Geist der Wesenheit Anthroposophia gegen alle Widerstände anderer Strömungen bewahrt haben. Schon allein dadurch beweisen die Genannten wahrhaft Michaelischen Geist, der sich ja gerade im Mut zur Geisterkenntnis und in der Tatkraft, diese mit Entschlossenheit umzusetzen, ausdrückt.

Wer ein wenig mehr über Michael und diese gerade heute für uns alle so wichtige Kraft zum Erkenntnismut sowie diese ganz besondere Jahreszeit, in der wir alljährlich mit unserem inneren Drachen zu kämpfen haben, wissen möchte, dem seien diese beiden Vorträge von Axel Burkart empfohlen:

https://www.youtube.com/watch?v=2PLQhRzp1xE

https://www.youtube.com/watch?v=SeHxthpaB7s

Wer sich für die angesprochene Michaelschule und die Rolle, die Rudolf Steiner darin spielt, interessiert, dem empfehle ich das neu erschienen Büchlein von Thomas Meyer:

Wie Zwerge auf den Schultern von Riesen. Die Michaelschule und ihre vier bisherigen Phasen vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart und nahe Zukunft. Basel, 2020.

Der Titel entspricht einem Zitat von Bernhard von Chartres, einem der Lehrer der berühmten Schule von Chartres, die im Hochmittelalter, etwa von 1000 bis 1200, das Geistesleben Europas entscheidend prägte. Es wurde zu einem geflügelten Wort, das voller Demut auf die großen Geister hinweist, die vor den Chartres-Lehrern und erst recht vor uns Heutigen die Menschheit mit ihren Impulsen befruchteten. Damals waren es vor allem Platon und Aristoteles, bis heute sind noch ein paar weitere hinzugekommen, die uns auf ihre Schultern nehmen, wenn wir dazu bereit sind. Im Hinblick auf das Thema des Buches werden diese Riesen nicht zuletzt durch Michael und Rudolf Steiner repräsentiert. Und wieder begegnen mir jene wunderbaren Glasfenster aus der Kathedrale von Chartres, die ich bei zwei Besuchen der Kathedrale auch schon Life bewundern durfte. Sie stellen die Evangelisten dar, die auf den Schultern von Propheten sitzen. Diesmal kommen die Lazarettfenster unterhalb der Südrose in Form von Abbildungen im Buch zu mir. Wie großartig sich doch wieder alles zusammenfügt!

Am Montag danach besuche ich das zweite Goetheanum in Dornach, einem kleinen Ort bei Basel. Es handelt sich um den 1928 fertig gestellten Nachfolgebau des ersten Goetheanums, einem großartigen Holzbau mit zwei Kuppeln, der in der Silvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört wurde. Das Bauwerk sollte schon durch seine äußere Gestalt das Wesen der Anthroposophie verkörpern und gleichzeitig als Bildungsstätte, Theater- und Kunststätte dienen. Seine Maße griffen die bereits zuvor in der Kathedrale von Chartres und im Tempel des Salomon angewendeten Maße der Heiligen Geometrie auf, die im Hinblick auf ihre Größenverhältnisse ein Abbild des Menschen darstellen.

Der heutige Betonbau beruht ebenfalls auf Entwürfen von Rudolf Steiner, wurde jedoch erst nach seinem Tod, im Jahr 1928 vollendet. Wir finden hier den Sitz der Freien Hochschule sowie der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft AAG. Von beiden Institutionen hört man nicht nur Positives. Immer wieder geht es um Äußerungen und Aktivitäten der Verantwortlichen, die dem Geist Rudolf Steiners und der von ihm gegründeten Anthroposophie entgegenwirken. Doch diese Querelen blende ich als Besucherin aus.

Mir geht es an diesem Tag einzig und allein darum, das Goetheanum, die vielen ebenfalls im organischen Baustil gestalteten Gebäude der Umgebung sowie die liebliche Hügellandschaft auf mich wirken zu lassen. Die strahlende Herbstsonne meint es gut und macht es mir leicht, meine Eindrücke im rechten Licht zu empfangen. Ich setze mich mal auf diese, mal auf jene Bank und genieße den Ausblick auf das imposante Bauwerk und die Schönheit der Umgebung. Am heutigen Montag geht das völlig ungestört, denn es gibt weder Führungen noch Besuchergruppen, die meiner Andacht im Wege ständen. Die Stille, das Sonnenlicht, die wohlige Wärme des Herbstes, die Ästhetik der mich umgebenden Gebäude (Heizhaus, Glaserei, Schreinerei, Haus Duldeck…), all das lasse ich auf mich wirken. Meine Gedanken gleiten zu Rudolf Steiner: Wo hat er zu den Arbeitern gesprochen? Wie ist er leichtfüßig und mit wehendem Gehrock den Hügel hinauf gestürmt?  Welche Anweisungen hat er den vielen Künstlern gegeben, die damals am Bau des ersten Goetheanums mitgewirkt haben? Mitten im ersten Weltkrieg haben hier Menschen aus allen möglichen Nationen friedlich zusammengearbeitet, getragen von dem gemeinsamen Willen etwas Großartiges zu erschaffen, das sich über all den irdischen Zwist und die Kleingeisterei zu erheben vermag. Diese Gedanken dringen in meine Seele und verursachen eine tiefe Freude. In diesem Moment trage ich die innere Gewissheit in mir: Ja, es finden sich auch heute und in Zukunft Menschen, die diesen Erkenntnisweg beschreiten werden, den Rudolf Steiner uns ganz im Sinne Michaels ermöglicht hat.

Jeweils eine Stunde lang, nutze ich die Gelegenheit, den großen Saal und die 9 Meter große Holzstatue Der Menschheitsrepräsentant zu besichtigen. Im Saal haben etwa 1000 Zuschauer Platz, um Theater- und Eurythmievorstellungen zu erleben. Ihn zieren 8 riesige in strahlenden Farben gestaltete Glasfenster, zwei grüne, zwei blaue, zwei violette und zwei Korallfarbige. Im Treppenhaus dann das leuchtend rote Tryptichon. Die gewölbte Decke ist mit verschiedenen Szenen des Erkenntnisweges nach den Entwürfen Rudolf Steiners bemalt. Ich blicke staunend auf das, was sich meinem Auge darbietet und freue mich einmal mehr über die ungestörte Atmosphäre. Nur hinter der Bühne kommt Betriebsamkeit auf, vermutlich laufen dort Vorbereitungen für eine baldige Aufführung. Doch der dunkelrote Samtvorhang verbirgt den Blick auf die dort ablaufenden Aktivitäten. Das Treppenhaus erlebe ich lichtdurchflutet in Pastelltönen bemalt, hier und da ein Symbol in den Gips der Wand gedrückt, u. a. die Siegelbilder der vier Mysteriendramen Rudolf Steiners. Der Menscheitsrepräsentant steht im Mittelpunkt der gleichnamigen Holzstatue, Jesus Christus in ähnlicher Haltung wie der Magier auf der zweiten Tarot-Karte. Mit einem Arm gen Himmel und einem gen Boden gerichtet weist er auf die Doppelnatur des Menschen hin und auf die Gefahren die ihm von Luzifer von oben und von Ahriman von unten lauern, jenen beiden Widersacherkräften, die oft allzu sehr an uns zerren und uns aus unserer Mitte zu bringen trachten. Ein großartiger Anblick! Vor meinem geistigen Auge sehe ich Rudolf Steiner auf einer Leiter stehend an einem Detail der Holzplastik schnitzen, so wie ich es einmal auf einem alten Foto gesehen habe.

In Ehrfurcht verabschiede ich mich von dem großartigen Bauwerk und trete den Rückweg an. Dort begegnen mir noch eine Schafherde, deren Präsenz mir auf dem Hinweg ganz entgangen war und ein freundliches Gespräch mit einem Eurythmisten, der zu seiner Arbeit in der Gegenrichtung unterwegs ist. In stillem Einverständnis tauschen wir uns über die Weltlage, die jüngsten politische Entwicklungen und das Wesen der Anthroposophie aus. Es stellt sich heraus, dass er der Gründer oder Mitbegründer einer neuen Partei namens Partei für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist. Ich erzähle von unserem Projekt Zukunft-s-imPuls und unseren diesbezüglichen Plänen. Beflügelt und uns der Existenz Gleichgesinnter voll bewusst geht ein jeder von uns seiner Wege. Wenn da nicht Michael seine „Finger“ im Spiel hatte 😉

Was für zwei wunderbare, bereichernde Urlaubstage! Voller Dankbarkeit für das Erlebte trete ich am Dienstagmorgen die Rückreise in die Kölner Heimat an.

 

 

Freitags-Gedanken am 27. September: Lebendige Anthroposophie

Was hat Dr. Rudolf Steiner für die Menschheit geleistet?

Rudolf Steiner war kein bloßer Theoretiker. Zwar hat er in den Schriften und Vorträgen, die in den Freitags-Gedanken vom 20. September aufgeführt wurden, viel über die Hintergründe und Grundlagen der Anthroposophie geschrieben und gesprochen. Doch war sein hauptsächliches Ziel die praktische Anwendung seiner Erkenntnisse in den verschiedensten Lebensbereichen, zu denen die Pädagogik (freie Waldorf-Pädagogik), die Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Landbau), die Medizin (anthroposophische Medizin), die Gesellschaftslehre (soziale Dreigliederung), die Religion (freie Christengemeinden) und die Kunst (Eurythmie, Sprachgestaltung, Malerei, Bildhauerei und Architektur) gehören.

Freie Bildung

Auf dem Gebiet der Pädagogik konnte Steiner auf eigene praktische Erfahrungen zurückgreifen. So hatte er während seiner Wiener Zeit jahrelang als Hauslehrer in der Familie Specht gelebt, wo er durch seine pädagogischen Konzepte erstaunliche Erfolge bei der Entwicklung der Kinder erzielen konnte. Später, in Weimar, lebte er in einer Familie mit fünf Kindern, deren Entwicklung er über Jahre begleitete. Nicht zuletzt durch diese Erfahrungen entwickelte er die Idee von der freien Bildung, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Schülers statt an den Lehrplänen des Staates orientieren sollte. Daraus entstand die freie Waldorf-Pädagogik. Am 7. September 1919 eröffnete Rudolf Steiner zusammen mit  Emil Molt, dem Besitzer der damaligen Zigarettenfabrik Waldorf Astoria erstmals eine solche Einrichtung für die Kinder der dort beschäftigten Arbeiter in Stuttgart.

Steiner selbst definierte das Ziel seiner Pädagogik folgendermaßen:
Die Waldorfschul-Pädagogik ist überhaupt kein pädagogisches System, sondern eine Kunst, um dasjenige, was da ist im Menschen, aufzuwecken. Im Grunde genommen will die Waldorfschul-Pädagogik gar nicht erziehen, sondern aufwecken. Denn heute handelt es sich um das Aufwecken. Erst müssen die Lehrer aufgeweckt werden, dann müssen die Lehrer wieder die Kinder und jungen Menschen aufwecken.(GA 217, S. 236)

Inzwischen existieren weltweit über 1.000 solcher Waldorfschulen. Die 228 (Stand: 2018) deutschen Einrichtungen befinden sich in sogenannter freier Trägerschaft und gelten als staatlich anerkannte Ersatzschulen. Sicher haben sie im Laufe der Zeit viele Lehrer und Schüler aufwecken können. Die kritische Frage sei erlaubt, ob sie sich den ursprünglichen Geist, in dem sie Rudolf Steiner ins Leben gerufen hat, bis heute erhalten konnten.

Doch dankenswerterweise gibt es  heute Menschen, die sich für ein erneuertes freies Bildungswesen im Sinne Rudolf Steiners einsetzen, so wie es beispielsweise Axel Burkart über die Rudolf-Steiner-Gesellschaft www.rudolf-steiner-gesellschaft.de sowie in zahlreichen Youtube-Vorträgen tut. Am 11.09.2019 gründete Axel Burkart eine „Holiversität“, in der die Studierenden sich tiefgehend mit den erkenntnistheoretischen und später auch anthroposophischen Inhalten nach Rudolf Steiner vertraut machen können https://akademie-zukunft-mensch.com/holiversitaet/

Biologisch-Dynamische Landwirtschaft

Bereits Anfang des 20igsten Jahrhunderts zeigten sich die ersten negativen Auswirkungen der damals bereits zum Einsatz gebrachten Mineraldünger und Pestizide, mit denen man die Landwirtschaft zu intensivieren und die Erträge zu erhöhen suchte. Qualitäts-, Geschmacks- und Nährstoffverlust der Nahrungsmittel waren die Folge.

Auf Wunsch der Gräfin und des Grafen von Keyserlingk und einiger anthroposophisch orientierter Landwirte hielt Rudolf Steiner 1920 eine Vortragsreihe auf Gut Koberwitz bei Breslau, in der er die Grundlagen für den Biologisch-Dynamischen Landbau entwickelte.

Nach Steiners Erkenntnissen wird der landwirtschaftliche Betrieb als Organismus betrachtet, auf dem möglichst viele Tier- und Pflanzenarten gehalten bzw. angebaut werden, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Der Mist von Widerkäuern, in der Regel Kühe, wird als Dünger für die Pflanzen verwendet, die in wesensgemäßer Art und Weise angebaut werden. Die Böden werden durch bestimmte Präparate, zu denen auch Kuhhorn gehört, harmonisiert.

Hierzu schreibt Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, in seinem Buch Pflanzendevas über die Entwicklung der  biologisch-dynamischen Präparate Rodolf Steiners: Diese sollen den Pflanzen helfen, sich wieder mit den Pflanzendevas und den formativen Kräften des Kosmos zu verbinden, um eine Stärkung hervorzubringen. Das erste bio-dynamische Mittel, das Rudolf Steiner entwickelte, ist das Hornmistpräparat. Hierzu wird ein Kuhhorn mit frischem Rindermist gestopft und über den Winter in gutem Humusboden vergraben. In dieser Zeit, nimmt es kristalline Sternenkräfte wie kosmischen Gedanken auf, die sich in Frost und Schnee offenbaren. Das Horn wirkt hierbei als Kondensator der formgebenden Energien. Im Frühjahr wird dann eine Prise des verrotteten Inhalts entnommen, in einen Eimer, gefüllt mit Regenwasser, eine Stunde lang mit einem Birkenreisigbesen verrührt. Rhythmisch im Wechsel linksdrehend, dann rechtsdrehend, so dass sich ein spiraliger Strudel (Trichter) bildet. Hierdurch wird das Wasser als Trägersubstanz sensibilisiert, für die im Präparat enthaltene Botschaft. Das fertig potenzierte Hornmistpräparat wird nun auf die junge Aussaat versprüht. Aussaat und Ernte erfolgen im Einklang mit kosmischen Rhythmen des Mondes und der Planeten.

In ähnlicher Weise entwickelte Rudolf Steiner unzählige, weitere Präparate. Zum Beispiel bereitete er den Kompost mit Kräutern auf, ehe er ihn im bio-dynamischen Anbau zum Einsatz brachte. Den Vorgang des Kompostierens beschrieb er als  “Verdauungsvorgang”, bei dem die Bestandteile der kompostierten Substanzen in ihre Strukturen zersetzt und aufgelöst werden. Entsprechend der alchemistischen Betrachtungsweise werden sie somit in das “Chaos” – in die Prima materia zurückgeführt. Ätherische Energien werden freigesetzt und ermöglichen eine Neustrukturierung. Der frisch gepflügte Boden kann die kosmischen Formkräfte dann erneut aufnehmen.

Bio-dynamische Landwirte arbeiten gemäß dem geozentrischen Weltbild, d.h., die planetarischen Präparate werden nach einem bestimmten Muster in die Kompostmasse eingepflanzt. Durch das Mitschwingen der Planetenkräfte wird der entstehende Humus empfänglicher für planetarische Einflüsse, die an die wachsenden Kulturpflanzen weitergeleitet werden.

Der Begriff “dynamisch” bezieht sich im Übrigen nicht nur auf den ökologisch, giftfreien Aspekt des Landbaus, sondern deutet uns auch auf die von Steiner angenommene Zusammenarbeit mit den göttlichen Hierarchien hin, und zwar in diesem Fall mit den sogenannten Mächten oder auch Dynameis.
(Quelle: Pflanzendevas-die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen, Wolf-Dieter Storl, atVerlag)

Die Verwendung von Mineraldüngern, Pestiziden sowie die Anwendung von Gentechnik werden in der Biologisch-Dynamischen Landwirtschaft strikt abgelehnt. Nachweislich können die Zahl der Mikroorganismen, die Fruchtbarkeit der Böden und damit die Qualität der Nahrungsmittel durch die Biologisch-Dynamische Landwirtschaft erhöht werden.

Heute gibt es zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, die sich der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise BDW verpflichtet fühlen und ihre Produkte unter dem Namen demeter vermarkten https://www.demeter.de/biodynamisches/preistraeger. Die Marke demeter steht heute nicht nur als Qualitätsgarant für Nahrungsmittel, sondern auch für Kosmetika und Heilmittel wie sie zum Beispiel die Firma Weleda herstellt https://www.weleda.de/weleda/identitaet/unsere-wurzeln. In England finden wir in der Shire Farm den größten Demeter Hof des Landes, auf dem die Inhaltsstoffe für das Farb-Pflege-System Aura Soma® angebaut werden https://www.shirefarm.co.uk/biodynamic-farming.aspx. Zudem verfügt Dev Aura, u. a. Seminar- und Ausbildungszentrum von Aura-Soma®,über eine vorzügliche vegetarische Küche, kreiert aus den Erträgen der Shire Farm, mitten in einem Land, das kulinarisch eher für „Fish & Chips“ bekannt ist.

Anthroposophische Medizin

Rudolf Steiner verstand den menschlichen Körper nicht nur als Maschine, die normalerweise in bestimmter Weise funktioniert und, wenn ihre Funktionalität gestört ist, durch mechanische Reparatur wieder herzustellen sei. Vielmehr erweiterte er den rein naturwissenschaftlichen Ansatz der modernen Schulmedizin um seine Kenntnis über den gesamten Menschen, zu dem auch seine geistigen Wesensglieder gehören.

In den Jahren 1920 bis 1924 hielt Steiner zahlreiche Vorträge für Ärzte und Medizinstudenten und gab 1925 zusammen mit der Ärztin Ita Wegman das Buch Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus. Nach Steiners Auffassung war /ist die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin nicht grundsätzlich falsch, sie greift allerdings zu kurz. Deshalb versteht er die anthroposophische Medizin als eine notwendige Erweiterung derselben:

Der Mensch ist, was er ist, durch Leib, Ätherleib, Seele (astralischer Leib) und Ich (Geist). Er muß als Gesunder aus diesen Gliedern heraus angeschaut; er muß als Kranker in dem gestörten Gleichgewicht dieser Glieder wahrgenommen; es müssen zu seiner Gesundheit Heilmittel gefunden werden, die das gestörte Gleichgewicht wieder herstellen.

[…]

Sie [die anthroposophisch orientierte Medizin] fügt zu der Erkenntnis des physischen Menschen, die allein durch die naturwissenschaftlichen Methoden der Gegenwart gewonnen werden kann, diejenige vom geistigen Menschen. (Rudolf Steiner, GA 27)

Auch im Bezug auf die Heilkunst verfügte Rudolf Steiner den Anbau der Heilkräuter nach himmlischen Konstellationen unter der Beachtung der Düngung mit gereiftem Kompost, der selbst mit besonderen Heilkräuterpräparaten (aus Kamille, Eichenrinde, Baldrian, Löwenzahn, Brennessel und Schafagrbe) behandelt worden war. Hier werden die Pflanzen für kosmische Impulse empfänglich gemacht, die dann dem Menschen wieder zu Gute kommen, wenn er die Heilpflanze einnimmt. Hierzu vermerkt Rudolf Steiner: Alles, was aus dem Makrokosmos auf uns zukommt und was wir in uns aufnehmen, wirkt in unsere Leiblichkeit hinein.

Wieder begegnet uns also die Berücksichtigung der Planetenkräfte. Unsere Sinneskräfte werden in die Kategorien voll bewusste, halb bewusste und unbewusste Vorgänge eingeteilt. Auf der leiblichen Ebene entsprechen sie den Stufen der Erde, der erdnahen Planeten (Mond, Merkur, Venus) und den erdfernen oberen Planeten (Mars, Jupiter, Saturn). Den Himmelskörpern werden bestimmte menschliche Organe und Körperfunktionen zugeordnet, sowie auch die dazugehörigen Heilsubstanzen und  Heilkräuter.

Heute hat die anthroposophisch orientierte Medizin den im Sinne des Sozialgesetzbuches rechtliche Status einer anerkannten besonderen Therapieform. Zumindest in größeren Städten finden wir niedergelassene Ärzte und Heilpraktiker, die nach Steiners Erkenntnissen praktizieren, außerdem mehrere Krankenhäuser sowie Forschungseinrichtungen in Deutschland und der Schweiz. Außerdem gibt es zahlreiche Ansätze, die die menschliche Gesundheit durch Wiederherstellung der Balance der Wesensteile des Menschen erhalten bzw. wieder herzustellen suchen. Zu ihnen gehört das Farb-Pflege-System Aura-Soma ® (Vicky Wall: Aura-Soma. Das Wunder der Farbheilung und die Geschichte eines Lebens. Deutsche Ausg.: Edition Sternenprinz im Hans-Nietsch-Verlag. Freiburg, 2006).

Fortsetzung folgt…

Freitags-Gedanken am 20. September: Die Anthroposophie und ihr Begründer

Schon öfter habe ich in meinen Freitags-Gedanken die Anthroposophie erwähnt und Zitate von Dr. Rudolf Steiner in meine Texte einfließen lassen. Doch wer war dieser Mann und welche Erkenntnisse und Wege hat er der Menschheit durch seine Weisheit vom Menschen eröffnet? Hier ein bescheidener Versuch einer Würdigung seines großartigen und so zukunftsweisenden Werks:

Was ist Anthroposophie?

Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.

So drückte es Dr. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie selber aus. Gemeint damit ist, dass wir durch die Beschäftigung mit dieser jungen, erst etwa hundert Jahre alten Wissenschaft lernen, uns selbst und die Welt zu verstehen. Die Anthroposophie bietet uns die Chance tiefer und tiefer einzudringen in die Zusammenhänge des Lebens und des Weltgeschehens.

Wie ist unser Verhältnis zu den Mineralien, den Pflanzen und den Tieren? Was haben wir gemeinsam mit ihnen und was unterscheidet uns? Welche dienstbaren Geister gibt es darüber hinaus in der Natur? Wie sind wir eingebunden in einen noch größeren Organismus, das Weltall mit seinen Planeten und mit unserem Zentralgestirn, der Sonne? Wie arbeiten unser Körper, unsere Seele und unser Geist zusammen? Was passiert mit uns nach dem Ende unseres physischen Lebens und wie kommunizieren wir mit den höheren geistigen Wesenheiten? Das sind nur einige der existentiellen Fragen, die wir uns alle früher oder später im Leben einmal stellen und auf die uns die Anthroposophie exakte Antworten liefert. Es ist die Wissenschaft vom Geist, die hinter jeder für uns wahrnehmbaren Erscheinung die Idee, das Geistige erkennt.

Jenes große Goethewort Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis trifft diese Grunderkenntnis der Anthroposophie, die wir auch als Geist-Wissenschaft bezeichnen können, wohl in ihrem Kern.

Doch wie können wir Kenntnis erlangen über diese Geheimnisse des Lebens jenseits der wahrnehmbaren Naturerscheinungen? Wir können es durch die geistige Schau des Dr. Rudolf Steiner, die er uns in einem etwa 350 Bände umfassenden Gesamtwerk offenbart und hinterlassen hat. Wer Steiners Angebot annimmt, für den eröffnen sich völlig neue Dimensionen, die über das in Schulen und Universitäten gelehrte Wissen weit hinausgehen. Jeder normal begabte Mensch kann das von Steiner offengelegte Wissen mit seinen Denkinstrumenten (Verstand, Logik, Vernunft, Vorstellungskraft und Intuition) nachvollziehen, nachprüfen und als wahrhaftig erkennen, auch wenn er selbst (noch) nicht so ausgeprägt über die Fähigkeit der geistigen Wahrnehmung verfügt.

Wer war Dr. Rudolf Steiner?

Für viele ist Rudolf Steiner nicht nur ein großartiger Gelehrter, der sich auf ganzheitliche Art und Weise in allen Disziplinen der Wissenschaft und des Alltagslebens bestens auskannte, sondern auch der größte geistige Seher und Eingeweihte der bisherigen Neuzeit.

Der Österreicher Rudolf Steiner wurde 1861 in dem Dorf Donji Kraljevec im heutigen Kroatien geboren. Sein Vater arbeitete als Eisenbahner, der häufiger innerhalb des Landes versetzt wurde und so verbrachte Steiner seine Kindheits- und Jugendjahre in verschiedenen naturnahen Orten des damaligen Österreich (Kraljevec, Mödling, Pottschach, Neudörfl).

In den Jahren 1879 bis 1890 lebte er in Wien, wo er Mathematik und Naturwissenschaften studierte, aber auch Vorlesungen über Literatur, Geschichte und Philosophie besuchte. Um seinen Lebensunterhalt als Student zu verdienen, arbeitete er als Hauslehrer in einer großbürgerlichen Familie. Bereits in dieser Lebensphase befasste er sich  intensiv mit Kunst, Kultur und Wissenschaft (u.a. mit den naturwissenschaftlichen Forschungen Goethes) und nahm ebenso intensiv am regen Kultur- und Geistesleben seiner Zeit teil. Von 1882 bis 1897 war Steiner Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgangs von Goethe und galt bereits in jungen Jahren als einer der hervorragendsten Goethekenner seiner Zeit. 1892 erlangte er mit einer erkenntnistheoretischen Schrift an der Rostocker philosophischen Fakultät seine Doktorwürde.

Die Jahre von 1890 bis 1997 verbrachte er in Weimar, wo er zum neugegründeten Goethe- und Schiller-Archiv berufen worden war. Parallel betätigte sich Steiner als Publizist, Autor und Vortragsredner. Er pflegte freundschaftlichen Kontakte zu vielen Künstlern sowie Gelehrten des Weimarer Geistes- und Kulturlebens, begegnete Haeckel, Treitschke und Laistner. Er setzte sich intensiv mit den Weltauffassungen Fichtes, Nietzsches, Stirners und Schopenhauers auseinander. Bis zur Jahrhundertwende veröffentlichte Steiner vor allem philosophische und erkenntnistheoretische Schriften und Bücher, unter ihnen die Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886), Wahrheit und Wissenschaft (1892) und schließlich seine Philosophie der Freiheit (1894), welches Steiner selbst als dasjenige seiner Werke bezeichnete, das die Jahrhunderte am ehesten überdauern würde. Zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte er mehr und mehr das Welt- und Menschenbild eines ethischen Individualismus.

1897 endete seine Weimarer Zeit und Steiner übersiedelte nach Berlin. Er arbeitete als Redakteur, Schriftsteller und Vortragender und setzte sich weiterhin mit den geistigen Strömungen seiner Zeit auseinander. Nach 1900 begann er zunehmend die Erkenntnisse aus seinen hellsichtigen Schauungen über das Wesen des Menschen und des Weltalls zu veröffentlichen. Theosophie(1904), Wie erlangt man Kenntnis aus den höheren Welten (1905), Aus der Akasha-Chronik (1908) sowie Geheimwissenschaft im Umriss (1910) gehören zu seinen Hauptwerken aus dieser Zeit. In der Theosophischen Gesellschaft von Helena Blavatzky fand er zunächst ein interessiertes Publikum, trennte sich jedoch aufgrund zunehmender Unvereinbarkeiten der Theosophie mit seiner eigenen Weltanschauung von dieser Organisation.

In der Folgezeit reiste Rudolf Steiner unermüdlich durch die Deutsch sprachigen Länder, aber auch ins Europäische Ausland, sei es London, Paris oder Oslo, um seine Vortragszyklen zu bestimmten Themenkomplexen an die Menschen heranzutragen. Er spricht ebenso vor Arbeitern, wie vor Fachpublikum bestimmter akademischer Berufe, vor Insidern seiner Anthroposophischen Gesellschaft ebenso wie vor der allgemeinen Öffentlichkeit. Sein Vortragswerk umfasst etwa 5000 Vorträge, die zum großen Teil mitstenographiert und schließlich auch veröffentlicht wurden. Unabhängig von der jeweiligen Zuhörerschaft und vom jeweiligen Thema sind alle seine Werke getragen und durchdrungen von einer tiefen Welterkenntnis und einer Anerkennung der Würde und Bedeutung eines jeden Einzelnen seiner Zuhörer.

Eines von Steiners Hauptbestrebungen war es, die Menschen zum freien und lebendigen Denken zu führen, ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, neben dem Materiellen auch das Geistige in der Welt zu berücksichtigen und vielleicht sogar wahrzunehmen. Er entwickelte einen Schulungsweg, der zur Imagination (Hellsehen), zur Inspiration (Hellhören) und zur Intuition (Wahrnehmen geistiger Wesenheiten) führen kann, und zwar ohne Bindung an einen Lehrer oder Guru und auf der Grundlage des klaren und wachen Tagesbewusstseins. Das war etwas völlig Neues, denn Einweihungen hatte es in früheren Zeiten nur unter der Führung von Hierophanten gegeben und indem die Geheimschüler in bestimmte teilweise todesähnliche Bewusstseinszustände versetzt wurden. Für Steiner dagegen ist das Denken die Brücke zum Übersinnlichen, allerdings nicht das kalte, intellektualistische Denken unserer Tage, sondern das lebendige Denken im Sinne eines Johann Wolfgang von Goethe.

Wen sollte es wundern, dass ein so freier Geist wie Rudolf Steiner nicht nur Freunde hatte? Neben vielen Bewunderern gab es auch jene, die sich durch den Wahrheitssucher durchschaut fühlten und jene, die um ihre Machtpositionen fürchteten, für den Fall, dass sich Steiners Erkenntnisse zu stark verbreiten würden. So wurde sein erstes Goetheanum in Dornach in der Silvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört und er selbst mit großer Wahrscheinlichkeit während einer Vortragsreise nach London im Jahr 1924 vergiftet. Am 30. März 1925 erlag Rudolf Steiner nach schwerer Krankheit den Folgen dieses Angriffs.

Was hat Dr. Rudolf Steiner für die Menschheit geleistet?

Rudolf Steiner war kein bloßer Theoretiker. Zwar hat er in den oben aufgeführten Schriften und Vorträgen viel über die Hintergründe und Grundlagen der Anthroposophie geschrieben und gesprochen. Doch war sein hauptsächliches Ziel die praktische Anwendung seiner Erkenntnisse in den verschiedensten Lebensbereichen, zu denen die Pädagogik (freie Waldorf-Pädagogik), die Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Landbau), die Medizin (anthroposophische Medizin), die Gesellschaftslehre (soziale Dreigliederung), die Religion (freie Christengemeinden) und die Kunst (Eurythmie, Sprachgestaltung, Malerei, Bildhauerei und Architektur) gehören. Doch davon ein andermal mehr!

 

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