Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 27. September: Lebendige Anthroposophie

Was hat Dr. Rudolf Steiner für die Menschheit geleistet?

Rudolf Steiner war kein bloßer Theoretiker. Zwar hat er in den Schriften und Vorträgen, die in den Freitags-Gedanken vom 20. September aufgeführt wurden, viel über die Hintergründe und Grundlagen der Anthroposophie geschrieben und gesprochen. Doch war sein hauptsächliches Ziel die praktische Anwendung seiner Erkenntnisse in den verschiedensten Lebensbereichen, zu denen die Pädagogik (freie Waldorf-Pädagogik), die Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Landbau), die Medizin (anthroposophische Medizin), die Gesellschaftslehre (soziale Dreigliederung), die Religion (freie Christengemeinden) und die Kunst (Eurythmie, Sprachgestaltung, Malerei, Bildhauerei und Architektur) gehören.

Freie Bildung

Auf dem Gebiet der Pädagogik konnte Steiner auf eigene praktische Erfahrungen zurückgreifen. So hatte er während seiner Wiener Zeit jahrelang als Hauslehrer in der Familie Specht gelebt, wo er durch seine pädagogischen Konzepte erstaunliche Erfolge bei der Entwicklung der Kinder erzielen konnte. Später, in Weimar, lebte er in einer Familie mit fünf Kindern, deren Entwicklung er über Jahre begleitete. Nicht zuletzt durch diese Erfahrungen entwickelte er die Idee von der freien Bildung, die sich an den individuellen Bedürfnissen des Schülers statt an den Lehrplänen des Staates orientieren sollte. Daraus entstand die freie Waldorf-Pädagogik. Am 7. September 1919 eröffnete Rudolf Steiner zusammen mit  Emil Molt, dem Besitzer der damaligen Zigarettenfabrik Waldorf Astoria erstmals eine solche Einrichtung für die Kinder der dort beschäftigten Arbeiter in Stuttgart.

Steiner selbst definierte das Ziel seiner Pädagogik folgendermaßen:
Die Waldorfschul-Pädagogik ist überhaupt kein pädagogisches System, sondern eine Kunst, um dasjenige, was da ist im Menschen, aufzuwecken. Im Grunde genommen will die Waldorfschul-Pädagogik gar nicht erziehen, sondern aufwecken. Denn heute handelt es sich um das Aufwecken. Erst müssen die Lehrer aufgeweckt werden, dann müssen die Lehrer wieder die Kinder und jungen Menschen aufwecken.(GA 217, S. 236)

Inzwischen existieren weltweit über 1.000 solcher Waldorfschulen. Die 228 (Stand: 2018) deutschen Einrichtungen befinden sich in sogenannter freier Trägerschaft und gelten als staatlich anerkannte Ersatzschulen. Sicher haben sie im Laufe der Zeit viele Lehrer und Schüler aufwecken können. Die kritische Frage sei erlaubt, ob sie sich den ursprünglichen Geist, in dem sie Rudolf Steiner ins Leben gerufen hat, bis heute erhalten konnten.

Doch dankenswerterweise gibt es  heute Menschen, die sich für ein erneuertes freies Bildungswesen im Sinne Rudolf Steiners einsetzen, so wie es beispielsweise Axel Burkart über die Rudolf-Steiner-Gesellschaft www.rudolf-steiner-gesellschaft.de sowie in zahlreichen Youtube-Vorträgen tut. Am 11.09.2019 gründete Axel Burkart eine „Holiversität“, in der die Studierenden sich tiefgehend mit den erkenntnistheoretischen und später auch anthroposophischen Inhalten nach Rudolf Steiner vertraut machen können https://akademie-zukunft-mensch.com/holiversitaet/

Biologisch-Dynamische Landwirtschaft

Bereits Anfang des 20igsten Jahrhunderts zeigten sich die ersten negativen Auswirkungen der damals bereits zum Einsatz gebrachten Mineraldünger und Pestizide, mit denen man die Landwirtschaft zu intensivieren und die Erträge zu erhöhen suchte. Qualitäts-, Geschmacks- und Nährstoffverlust der Nahrungsmittel waren die Folge.

Auf Wunsch der Gräfin und des Grafen von Keyserlingk und einiger anthroposophisch orientierter Landwirte hielt Rudolf Steiner 1920 eine Vortragsreihe auf Gut Koberwitz bei Breslau, in der er die Grundlagen für den Biologisch-Dynamischen Landbau entwickelte.

Nach Steiners Erkenntnissen wird der landwirtschaftliche Betrieb als Organismus betrachtet, auf dem möglichst viele Tier- und Pflanzenarten gehalten bzw. angebaut werden, die sich gegenseitig ergänzen und bereichern. Der Mist von Widerkäuern, in der Regel Kühe, wird als Dünger für die Pflanzen verwendet, die in wesensgemäßer Art und Weise angebaut werden. Die Böden werden durch bestimmte Präparate, zu denen auch Kuhhorn gehört, harmonisiert.

Hierzu schreibt Dr. phil. Wolf-Dieter Storl, Kulturanthropologe und Ethnobotaniker, in seinem Buch Pflanzendevas über die Entwicklung der  biologisch-dynamischen Präparate Rodolf Steiners: Diese sollen den Pflanzen helfen, sich wieder mit den Pflanzendevas und den formativen Kräften des Kosmos zu verbinden, um eine Stärkung hervorzubringen. Das erste bio-dynamische Mittel, das Rudolf Steiner entwickelte, ist das Hornmistpräparat. Hierzu wird ein Kuhhorn mit frischem Rindermist gestopft und über den Winter in gutem Humusboden vergraben. In dieser Zeit, nimmt es kristalline Sternenkräfte wie kosmischen Gedanken auf, die sich in Frost und Schnee offenbaren. Das Horn wirkt hierbei als Kondensator der formgebenden Energien. Im Frühjahr wird dann eine Prise des verrotteten Inhalts entnommen, in einen Eimer, gefüllt mit Regenwasser, eine Stunde lang mit einem Birkenreisigbesen verrührt. Rhythmisch im Wechsel linksdrehend, dann rechtsdrehend, so dass sich ein spiraliger Strudel (Trichter) bildet. Hierdurch wird das Wasser als Trägersubstanz sensibilisiert, für die im Präparat enthaltene Botschaft. Das fertig potenzierte Hornmistpräparat wird nun auf die junge Aussaat versprüht. Aussaat und Ernte erfolgen im Einklang mit kosmischen Rhythmen des Mondes und der Planeten.

In ähnlicher Weise entwickelte Rudolf Steiner unzählige, weitere Präparate. Zum Beispiel bereitete er den Kompost mit Kräutern auf, ehe er ihn im bio-dynamischen Anbau zum Einsatz brachte. Den Vorgang des Kompostierens beschrieb er als  “Verdauungsvorgang”, bei dem die Bestandteile der kompostierten Substanzen in ihre Strukturen zersetzt und aufgelöst werden. Entsprechend der alchemistischen Betrachtungsweise werden sie somit in das “Chaos” – in die Prima materia zurückgeführt. Ätherische Energien werden freigesetzt und ermöglichen eine Neustrukturierung. Der frisch gepflügte Boden kann die kosmischen Formkräfte dann erneut aufnehmen.

Bio-dynamische Landwirte arbeiten gemäß dem geozentrischen Weltbild, d.h., die planetarischen Präparate werden nach einem bestimmten Muster in die Kompostmasse eingepflanzt. Durch das Mitschwingen der Planetenkräfte wird der entstehende Humus empfänglicher für planetarische Einflüsse, die an die wachsenden Kulturpflanzen weitergeleitet werden.

Der Begriff “dynamisch” bezieht sich im Übrigen nicht nur auf den ökologisch, giftfreien Aspekt des Landbaus, sondern deutet uns auch auf die von Steiner angenommene Zusammenarbeit mit den göttlichen Hierarchien hin, und zwar in diesem Fall mit den sogenannten Mächten oder auch Dynameis.
(Quelle: Pflanzendevas-die geistig-seelischen Dimensionen der Pflanzen, Wolf-Dieter Storl, atVerlag)

Die Verwendung von Mineraldüngern, Pestiziden sowie die Anwendung von Gentechnik werden in der Biologisch-Dynamischen Landwirtschaft strikt abgelehnt. Nachweislich können die Zahl der Mikroorganismen, die Fruchtbarkeit der Böden und damit die Qualität der Nahrungsmittel durch die Biologisch-Dynamische Landwirtschaft erhöht werden.

Heute gibt es zahlreiche landwirtschaftliche Betriebe, die sich der Biologisch-Dynamischen Wirtschaftsweise BDW verpflichtet fühlen und ihre Produkte unter dem Namen demeter vermarkten https://www.demeter.de/biodynamisches/preistraeger. Die Marke demeter steht heute nicht nur als Qualitätsgarant für Nahrungsmittel, sondern auch für Kosmetika und Heilmittel wie sie zum Beispiel die Firma Weleda herstellt https://www.weleda.de/weleda/identitaet/unsere-wurzeln. In England finden wir in der Shire Farm den größten Demeter Hof des Landes, auf dem die Inhaltsstoffe für das Farb-Pflege-System Aura Soma® angebaut werden https://www.shirefarm.co.uk/biodynamic-farming.aspx. Zudem verfügt Dev Aura, u. a. Seminar- und Ausbildungszentrum von Aura-Soma®,über eine vorzügliche vegetarische Küche, kreiert aus den Erträgen der Shire Farm, mitten in einem Land, das kulinarisch eher für „Fish & Chips“ bekannt ist.

Anthroposophische Medizin

Rudolf Steiner verstand den menschlichen Körper nicht nur als Maschine, die normalerweise in bestimmter Weise funktioniert und, wenn ihre Funktionalität gestört ist, durch mechanische Reparatur wieder herzustellen sei. Vielmehr erweiterte er den rein naturwissenschaftlichen Ansatz der modernen Schulmedizin um seine Kenntnis über den gesamten Menschen, zu dem auch seine geistigen Wesensglieder gehören.

In den Jahren 1920 bis 1924 hielt Steiner zahlreiche Vorträge für Ärzte und Medizinstudenten und gab 1925 zusammen mit der Ärztin Ita Wegman das Buch Grundlegendes zu einer Erweiterung der Heilkunst nach geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen heraus. Nach Steiners Auffassung war /ist die naturwissenschaftlich orientierte Schulmedizin nicht grundsätzlich falsch, sie greift allerdings zu kurz. Deshalb versteht er die anthroposophische Medizin als eine notwendige Erweiterung derselben:

Der Mensch ist, was er ist, durch Leib, Ätherleib, Seele (astralischer Leib) und Ich (Geist). Er muß als Gesunder aus diesen Gliedern heraus angeschaut; er muß als Kranker in dem gestörten Gleichgewicht dieser Glieder wahrgenommen; es müssen zu seiner Gesundheit Heilmittel gefunden werden, die das gestörte Gleichgewicht wieder herstellen.

[…]

Sie [die anthroposophisch orientierte Medizin] fügt zu der Erkenntnis des physischen Menschen, die allein durch die naturwissenschaftlichen Methoden der Gegenwart gewonnen werden kann, diejenige vom geistigen Menschen. (Rudolf Steiner, GA 27)

Auch im Bezug auf die Heilkunst verfügte Rudolf Steiner den Anbau der Heilkräuter nach himmlischen Konstellationen unter der Beachtung der Düngung mit gereiftem Kompost, der selbst mit besonderen Heilkräuterpräparaten (aus Kamille, Eichenrinde, Baldrian, Löwenzahn, Brennessel und Schafagrbe) behandelt worden war. Hier werden die Pflanzen für kosmische Impulse empfänglich gemacht, die dann dem Menschen wieder zu Gute kommen, wenn er die Heilpflanze einnimmt. Hierzu vermerkt Rudolf Steiner: Alles, was aus dem Makrokosmos auf uns zukommt und was wir in uns aufnehmen, wirkt in unsere Leiblichkeit hinein.

Wieder begegnet uns also die Berücksichtigung der Planetenkräfte. Unsere Sinneskräfte werden in die Kategorien voll bewusste, halb bewusste und unbewusste Vorgänge eingeteilt. Auf der leiblichen Ebene entsprechen sie den Stufen der Erde, der erdnahen Planeten (Mond, Merkur, Venus) und den erdfernen oberen Planeten (Mars, Jupiter, Saturn). Den Himmelskörpern werden bestimmte menschliche Organe und Körperfunktionen zugeordnet, sowie auch die dazugehörigen Heilsubstanzen und  Heilkräuter.

Heute hat die anthroposophisch orientierte Medizin den im Sinne des Sozialgesetzbuches rechtliche Status einer anerkannten besonderen Therapieform. Zumindest in größeren Städten finden wir niedergelassene Ärzte und Heilpraktiker, die nach Steiners Erkenntnissen praktizieren, außerdem mehrere Krankenhäuser sowie Forschungseinrichtungen in Deutschland und der Schweiz. Außerdem gibt es zahlreiche Ansätze, die die menschliche Gesundheit durch Wiederherstellung der Balance der Wesensteile des Menschen erhalten bzw. wieder herzustellen suchen. Zu ihnen gehört das Farb-Pflege-System Aura-Soma ® (Vicky Wall: Aura-Soma. Das Wunder der Farbheilung und die Geschichte eines Lebens. Deutsche Ausg.: Edition Sternenprinz im Hans-Nietsch-Verlag. Freiburg, 2006).

Fortsetzung folgt…

Freitags-Gedanken am 20. September: Die Anthroposophie und ihr Begründer

Schon öfter habe ich in meinen Freitags-Gedanken die Anthroposophie erwähnt und Zitate von Dr. Rudolf Steiner in meine Texte einfließen lassen. Doch wer war dieser Mann und welche Erkenntnisse und Wege hat er der Menschheit durch seine Weisheit vom Menschen eröffnet? Hier ein bescheidener Versuch einer Würdigung seines großartigen und so zukunftsweisenden Werks:

Was ist Anthroposophie?

Anthroposophie ist ein Erkenntnisweg, der das Geistige im Menschenwesen zum Geistigen im Weltenall führen möchte.

So drückte es Dr. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie selber aus. Gemeint damit ist, dass wir durch die Beschäftigung mit dieser jungen, erst etwa hundert Jahre alten Wissenschaft lernen, uns selbst und die Welt zu verstehen. Die Anthroposophie bietet uns die Chance tiefer und tiefer einzudringen in die Zusammenhänge des Lebens und des Weltgeschehens.

Wie ist unser Verhältnis zu den Mineralien, den Pflanzen und den Tieren? Was haben wir gemeinsam mit ihnen und was unterscheidet uns? Welche dienstbaren Geister gibt es darüber hinaus in der Natur? Wie sind wir eingebunden in einen noch größeren Organismus, das Weltall mit seinen Planeten und mit unserem Zentralgestirn, der Sonne? Wie arbeiten unser Körper, unsere Seele und unser Geist zusammen? Was passiert mit uns nach dem Ende unseres physischen Lebens und wie kommunizieren wir mit den höheren geistigen Wesenheiten? Das sind nur einige der existentiellen Fragen, die wir uns alle früher oder später im Leben einmal stellen und auf die uns die Anthroposophie exakte Antworten liefert. Es ist die Wissenschaft vom Geist, die hinter jeder für uns wahrnehmbaren Erscheinung die Idee, das Geistige erkennt.

Jenes große Goethewort Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis trifft diese Grunderkenntnis der Anthroposophie, die wir auch als Geist-Wissenschaft bezeichnen können, wohl in ihrem Kern.

Doch wie können wir Kenntnis erlangen über diese Geheimnisse des Lebens jenseits der wahrnehmbaren Naturerscheinungen? Wir können es durch die geistige Schau des Dr. Rudolf Steiner, die er uns in einem etwa 350 Bände umfassenden Gesamtwerk offenbart und hinterlassen hat. Wer Steiners Angebot annimmt, für den eröffnen sich völlig neue Dimensionen, die über das in Schulen und Universitäten gelehrte Wissen weit hinausgehen. Jeder normal begabte Mensch kann das von Steiner offengelegte Wissen mit seinen Denkinstrumenten (Verstand, Logik, Vernunft, Vorstellungskraft und Intuition) nachvollziehen, nachprüfen und als wahrhaftig erkennen, auch wenn er selbst (noch) nicht so ausgeprägt über die Fähigkeit der geistigen Wahrnehmung verfügt.

Wer war Dr. Rudolf Steiner?

Für viele ist Rudolf Steiner nicht nur ein großartiger Gelehrter, der sich auf ganzheitliche Art und Weise in allen Disziplinen der Wissenschaft und des Alltagslebens bestens auskannte, sondern auch der größte geistige Seher und Eingeweihte der bisherigen Neuzeit.

Der Österreicher Rudolf Steiner wurde 1861 in dem Dorf Donji Kraljevec im heutigen Kroatien geboren. Sein Vater arbeitete als Eisenbahner, der häufiger innerhalb des Landes versetzt wurde und so verbrachte Steiner seine Kindheits- und Jugendjahre in verschiedenen naturnahen Orten des damaligen Österreich (Kraljevec, Mödling, Pottschach, Neudörfl).

In den Jahren 1879 bis 1890 lebte er in Wien, wo er Mathematik und Naturwissenschaften studierte, aber auch Vorlesungen über Literatur, Geschichte und Philosophie besuchte. Um seinen Lebensunterhalt als Student zu verdienen, arbeitete er als Hauslehrer in einer großbürgerlichen Familie. Bereits in dieser Lebensphase befasste er sich  intensiv mit Kunst, Kultur und Wissenschaft (u.a. mit den naturwissenschaftlichen Forschungen Goethes) und nahm ebenso intensiv am regen Kultur- und Geistesleben seiner Zeit teil. Von 1882 bis 1897 war Steiner Herausgeber der naturwissenschaftlichen Schriften Johann Wolfgangs von Goethe und galt bereits in jungen Jahren als einer der hervorragendsten Goethekenner seiner Zeit. 1892 erlangte er mit einer erkenntnistheoretischen Schrift an der Rostocker philosophischen Fakultät seine Doktorwürde.

Die Jahre von 1890 bis 1997 verbrachte er in Weimar, wo er zum neugegründeten Goethe- und Schiller-Archiv berufen worden war. Parallel betätigte sich Steiner als Publizist, Autor und Vortragsredner. Er pflegte freundschaftlichen Kontakte zu vielen Künstlern sowie Gelehrten des Weimarer Geistes- und Kulturlebens, begegnete Haeckel, Treitschke und Laistner. Er setzte sich intensiv mit den Weltauffassungen Fichtes, Nietzsches, Stirners und Schopenhauers auseinander. Bis zur Jahrhundertwende veröffentlichte Steiner vor allem philosophische und erkenntnistheoretische Schriften und Bücher, unter ihnen die Grundlinien einer Erkenntnistheorie der Goetheschen Weltanschauung (1886), Wahrheit und Wissenschaft (1892) und schließlich seine Philosophie der Freiheit (1894), welches Steiner selbst als dasjenige seiner Werke bezeichnete, das die Jahrhunderte am ehesten überdauern würde. Zum Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte er mehr und mehr das Welt- und Menschenbild eines ethischen Individualismus.

1897 endete seine Weimarer Zeit und Steiner übersiedelte nach Berlin. Er arbeitete als Redakteur, Schriftsteller und Vortragender und setzte sich weiterhin mit den geistigen Strömungen seiner Zeit auseinander. Nach 1900 begann er zunehmend die Erkenntnisse aus seinen hellsichtigen Schauungen über das Wesen des Menschen und des Weltalls zu veröffentlichen. Theosophie(1904), Wie erlangt man Kenntnis aus den höheren Welten (1905), Aus der Akasha-Chronik (1908) sowie Geheimwissenschaft im Umriss (1910) gehören zu seinen Hauptwerken aus dieser Zeit. In der Theosophischen Gesellschaft von Helena Blavatzky fand er zunächst ein interessiertes Publikum, trennte sich jedoch aufgrund zunehmender Unvereinbarkeiten der Theosophie mit seiner eigenen Weltanschauung von dieser Organisation.

In der Folgezeit reiste Rudolf Steiner unermüdlich durch die Deutsch sprachigen Länder, aber auch ins Europäische Ausland, sei es London, Paris oder Oslo, um seine Vortragszyklen zu bestimmten Themenkomplexen an die Menschen heranzutragen. Er spricht ebenso vor Arbeitern, wie vor Fachpublikum bestimmter akademischer Berufe, vor Insidern seiner Anthroposophischen Gesellschaft ebenso wie vor der allgemeinen Öffentlichkeit. Sein Vortragswerk umfasst etwa 5000 Vorträge, die zum großen Teil mitstenographiert und schließlich auch veröffentlicht wurden. Unabhängig von der jeweiligen Zuhörerschaft und vom jeweiligen Thema sind alle seine Werke getragen und durchdrungen von einer tiefen Welterkenntnis und einer Anerkennung der Würde und Bedeutung eines jeden Einzelnen seiner Zuhörer.

Eines von Steiners Hauptbestrebungen war es, die Menschen zum freien und lebendigen Denken zu führen, ihnen die Möglichkeit zu eröffnen, neben dem Materiellen auch das Geistige in der Welt zu berücksichtigen und vielleicht sogar wahrzunehmen. Er entwickelte einen Schulungsweg, der zur Imagination (Hellsehen), zur Inspiration (Hellhören) und zur Intuition (Wahrnehmen geistiger Wesenheiten) führen kann, und zwar ohne Bindung an einen Lehrer oder Guru und auf der Grundlage des klaren und wachen Tagesbewusstseins. Das war etwas völlig Neues, denn Einweihungen hatte es in früheren Zeiten nur unter der Führung von Hierophanten gegeben und indem die Geheimschüler in bestimmte teilweise todesähnliche Bewusstseinszustände versetzt wurden. Für Steiner dagegen ist das Denken die Brücke zum Übersinnlichen, allerdings nicht das kalte, intellektualistische Denken unserer Tage, sondern das lebendige Denken im Sinne eines Johann Wolfgang von Goethe.

Wen sollte es wundern, dass ein so freier Geist wie Rudolf Steiner nicht nur Freunde hatte? Neben vielen Bewunderern gab es auch jene, die sich durch den Wahrheitssucher durchschaut fühlten und jene, die um ihre Machtpositionen fürchteten, für den Fall, dass sich Steiners Erkenntnisse zu stark verbreiten würden. So wurde sein erstes Goetheanum in Dornach in der Silvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört und er selbst mit großer Wahrscheinlichkeit während einer Vortragsreise nach London im Jahr 1924 vergiftet. Am 30. März 1925 erlag Rudolf Steiner nach schwerer Krankheit den Folgen dieses Angriffs.

Was hat Dr. Rudolf Steiner für die Menschheit geleistet?

Rudolf Steiner war kein bloßer Theoretiker. Zwar hat er in den oben aufgeführten Schriften und Vorträgen viel über die Hintergründe und Grundlagen der Anthroposophie geschrieben und gesprochen. Doch war sein hauptsächliches Ziel die praktische Anwendung seiner Erkenntnisse in den verschiedensten Lebensbereichen, zu denen die Pädagogik (freie Waldorf-Pädagogik), die Landwirtschaft (biologisch-dynamischer Landbau), die Medizin (anthroposophische Medizin), die Gesellschaftslehre (soziale Dreigliederung), die Religion (freie Christengemeinden) und die Kunst (Eurythmie, Sprachgestaltung, Malerei, Bildhauerei und Architektur) gehören. Doch davon ein andermal mehr!

 

Freitags-Gedanken am 6. September: Urteile (nicht)

Häufig hören wir die Aufforderung, dass wir bloß nicht urteilen sollen. Doch ist das überhaupt möglich? Sind wir nicht im ganz normalen Alltagsleben immer wieder genötigt, zu urteilen, um überhaupt im Leben zu recht zu kommen?

Dazu sollten wir uns zunächst einmal mit dem Begriff des Urteils auseinandersetzen, denn
– wie so oft – versteht jeder etwas anderes darunter. Dadurch entstehen unnötige Missverständnisse und die Gesprächspartner reden aneinander vorbei.

Da gibt es zunächst einmal das Erkenntnisurteil, das eigentlich nichts anderes ist als eine ganz normale Aussage. Ehe es dazu kommt, ist allerdings blitzartig ein innerer Prozess in uns abgelaufen. Wir nehmen etwas wahr und suchen dafür einen Begriff. Beides zusammen führt uns dann zu der Erkenntnis, womit wir es eigentlich zu tun haben. Sofern der Begriff in unserem Gedächtnis vorhanden ist, wir eine Situation oder einen Gegenstand also schon einmal erlebt haben bzw. kennen, ist dies ein völlig selbstverständlicher, ja fast banaler Vorgang. Das Erkenntnisurteil versetzt uns also in die Lage eine sachliche Aussage über etwas zu treffen. Es ist essenziell und wird hunderte Male am Tag von uns „gefällt“.

Die zweite Form des Urteils nennen wir ästhetisches Urteil. Hier  kommt unsere Seele ins Spiel, unser individuelles Gefühl darüber, was uns sympathisch oder unsympathisch ist, was wir schön oder hässlich finden. Zwar gibt es auch universelle Regeln für Schönheit wie z. B. die Größenverhältnisse, die dem goldenen Schnitt zugrunde liegen oder die Klänge der Solfeggio-Frequenzen, doch abgesehen davon, sind dem persönlichen Geschmack bzw. Schönheitsempfinden keine Grenzen gesetzt. Gefallen macht schön nennt es der Volksmund.

Als drittes gibt es das moralische Urteil. Das wird vor Gericht gesprochen, wenn der Richter entscheidet, ob jemand schuldig oder nicht schuldig ist. Diese Art von Urteil ist gemeint, wenn es heißt: urteile nicht! Und tatsächlich steht es uns gut an, uns zumindest im täglichen Leben damit zurück zu halten, denn was wissen wir schon über die Hintergründe und Motive einer Tat? Nicht von ungefähr rät uns Jesus Christus: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. (Lukas 6, 37). Diese Worte spricht Christus vor dem Hintergrund der geistig-göttlichen Gerechtigkeit, dem Karma. Danach richtet sich jeder ohnehin selbst, da er das Bedürfnis hat, seine Fehler aus früheren Leben wieder auszugleichen. Den Mitmenschen auf der Erde steht es dagegen nicht wirklich zu, ein Urteil über jemand anderen zu fällen.

Eine kleine Geschichte aus China führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie sehr wir doch manchmal mit unserem voreiligen moralischen Urteil danebenliegen können, einfach weil wir den höheren Plan hinter dem Geschehen nicht durchschauen und nur die unterste, gerade für uns offensichtliche Ebene betrachten:

Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Sie boten fantastische Summen für das Pferd, aber er verkauft es nicht. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, um die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber sagte: „Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.

Aber nach 15 Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann, die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: “ Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf, zu urteilen. Niemand weiß, was kommt. Sagt nur dies, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist – urteile nicht….
Chinesische Geschichte aus der Zeit Laotse

Es gibt zumeist mehrere Ebenen der Wahrheit und am obersten Ende steht dann Gottes Plan. Bei diesem können wir sicher sein, dass alles nur zu unserem Besten geschieht, bei allem, was sich in den Ebenen darunter abspielt, sollten wir mit dem Urteilen aber vorsichtig umgehen

Fälschlicherweise setzen wir Urteilen und Bewerten in unserem normalen Sprachgebrauch häufig gleich.

Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Sie boten fantastische Summen für das Pferd, aber er verkauft es nicht. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, um die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber sagte: „Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.

Aber nach 15 Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann, die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: “ Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf, zu urteilen. Niemand weiß, was kommt. Sagt nur dies, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist – urteile nicht….

(Chinesische Geschichte aus der Zeit von Laotse)

Freitags-Gedanken am 30. August: Das Mysterium des Herzens

Das ganze Universum ist im Körper enthalten, der ganze Körper im Herzen. So ist das Herz der Kern des ganzen Universums.
(Ramana Maharshi) 

Unser Körper ist ein dreigegliederter Organismus. Im unteren Teil verorten wir das Verdauungs- und Gliedmaßensystem, im oberen das Nerven- und Sinnessystem, in der Mitte schließlich finden wir das rhythmische System des Menschen mit Atmung, Blutkreislauf und natürlich … mit dem Herzen. Gemeinhin wird angenommen, dass das Herz als Pumpe fungiere, die das Blut in rhythmische Bewegung versetzt, doch es gibt nicht wenige Hinweise darauf, dass es sich gerade umgekehrt verhält, dass der Blutkreislauf also das Herz in Bewegung versetzt. Diese Auffassung wurde erstmals von Rudolf Steiner geäußert, der sie aus seiner anthroposophischen Erkenntnis und Schau heraus gewann. Neuere Forschungsergebnisse der Naturwissenschaft kommen zum gleichen Ergebnis. So bestätigt es Prof. Branko Furst in seinem Buch The Heart and Circulation, über das in der Fachzeitschrift Pharmacy & Therapie die folgende Beschreibung zu finden ist:

Zusammenfassend wurde versucht, den aktuellen Status des Druck-Antriebs-Modell der Zirkulation darzustellen und eine Reihe von Unstimmigkeiten hervorzuheben, die entweder wegerklärt oder zugeschnitten wurden, um zu dem traditionellen Modell zu passen. Nach dem mechanistischen (kardiozentrischen) Modell gilt das Blut als inerte Flüssigkeit, die entlang der Gefäße durch den vom Herz erzeugten Druckgradienten getrieben wird. Experimentelle und phänomenologische Beweise, die in dieser Monographie vorgestellt werden, legen das genaue Gegenteil nahe, nämlich, dass das Blut ein „flüssiges Organ“ mit einer charakteristischen inhärenten Selbstbewegung ist. Konzeptionell ist die autonome Bewegung des Blutes nicht anders als die autonome Kontraktion des Herzens, der enterohepatischen Kreislauf der Gallensalzen, oder die Zirkulation der Cerebrospinalflüssigkeit.
… die ontogenetische Herkunft und Morphologie des kardiovaskulären Systems zeigt an, dass es als ein Organ aufgefasst werden kann, dessen Funktion in der rhythmischen Vermittlung zwischen den Polen des Nerven-Sinnes-System und des Stoffwechsel-Systems  des Organismus besteht. Seine mobile Komponente, das Blut, erfüllt diese Funktion.

Der letzte Satz weist uns auf die Mittlerfunktion unseres Herzens hin. Das Organ liegt in der Mitte unseres Körpers und verbindet die drei Funktionskreise unseres Organismus miteinander. Das energetische Herz, das Herzchakra, liegt zudem als viertes von sieben Chakras ebenfalls in der Mitte. Hier hat es die Funktion eines Sinnesorgans, durch das zunächst das Kleinhirn mit Informationen über die Vorgänge im übrigen Körper versorgt wird. Das zentrale Chakra wird mit dem zwölfblättrigen Lotus gleichgesetzt. Wenn wir alle zwölf Blütenblätter zur Entfaltung bringen, so heißt es, sind wir auf einer hohen Bewusstseinsstufe angelangt, die wir als Herzdenken bezeichnen können. Unser Denken ist dann nicht mehr kalt und intellektuell, wie wir es von unserem heutigen Hirn gebundenen Alltagsdenken gewöhnt sind, sondern lebendig, beseelt und durchgeistigt. Die neuronalen Strukturen unseres Herzens, die denjenigen des Gehirns sehr ähneln, bieten die physiologischen Voraussetzungen für diesen Entwicklungsprozess. Rudolf Steiner wies bereits vor 100 Jahren darauf hin, dass sich das Herz zu einem Erkenntnisorgan entwickeln wird:

In der Zukunft wird der Mensch in einem viel intimeren Zusammenhange mit der Weltgesetzlichkeit stehen als gegenwärtig. Und der Geheimschüler nimmt diese Intimität in der Entwickelung voraus. Der Kopf mit dem Gehirn ist nur ein Übergangsorgan der Erkenntnis. Das Organ, welches die eigentlich tiefen und zugleich machtvollen Blicke in die Welt tun wird, hat seine Anlage in dem gegenwärtigen Herzen. Aber wohlgemerkt: die Anlage zu diesem Organ ist im heutigen Herzen: um Erkenntnisorgan zu werden, muß sich das Herz noch in der mannigfaltigsten Weise umbilden. Aber dieses Herz ist der Quell und Born zur Menschheitsstufe der Zukunft. Die Erkenntnis wird dann, wenn das Herz ihr Organ sein wird, warm und innig sein, wie heute nur die Gefühle der Liebe und des Mitleids sind. Aber diese Gefühle werden aus der Dumpfheit und Dunkelheit, in der sie heute nur tasten, sich zu der Helligkeit und Klarheit hindurchringen, welche heute erst die feinsten, logischen Begriffe des Kopfes haben.“ (GA 267)

Wie das HearthMath Institut in den USA feststellte, hat unser Herz schon heute ein Magnetfeld, das dasjenige des Gehirns um das 500 bis 5000fache übertrifft. Messbar ist dieses Magnetfeld noch mehrere Meter außerhalb unseres Körpers. In dem Maße, in dem das Magnetfeld der Erde abnimmt, nimmt sein Pendant in unserem Inneren offenbar zu. Kosmonauten, die im Weltall gänzlich ohne irdisches Magnetfeld auskommen müssen, beschleunigen diese Entwicklung inzwischen durch spirituelle Übungen, die ihr Ich-Bewusstsein stärken und ihnen helfen, in ihrer Mitte zu bleiben. So kann die gefürchtete Weltraumkrankheit weitgehend vermieden werden.

Und nun zum Großartigsten überhaupt, was es im Zusammenhang mit der Zentralsonne unseres Mikrokosmos, unserem Herzen, zu erkennen gibt und was die meisten von uns bisher allenfalls erahnen können:

In dem Tempel des menschlichen Leibes befindet sich ein Heiligstes vom Heiligen. Viele Menschen leben in dem Tempel, ohne etwas davon zu wissen. Aber die, welche es ahnen, erhalten dadurch die Kraft, sich so zu läutern, daß sie in dieses Heiligste hineingehen dürfen. Da befindet sich das heilige Gefäß, welches durch Zeitepochen hindurch vorbereitet wurde, auf daß, wenn die Zeit käme, es fähig sein könne, das Christus-Blut, das Christus-Leben in sich zu enthalten. Wenn der Mensch hineingegangen ist, so hat er auch den Weg gefunden zu dem Allerheiligsten in dem großen Erdentempel. Auch da leben viele auf der Erde, ohne davon zu wissen; aber wenn der Mensch in seinem innersten Heiligtum sich gefunden hat, so wird er auch da hineintreten dürfen und finden den Heiligen Gral. Wie aus wunderbar glitzernden Kristallen geschliffen, welche Symbole und Buchstaben formen, wird sich ihm das Gefäß zunächst zeigen, bis er allmählich den heiligen Inhalt empfindet, so daß er für ihn leuchtet im goldenen Glanze. In die Mysterienstätte seines eigenen Herzens steigt ein Mensch hinein, dann geht ein göttliches Wesen aus dieser Stätte hervor und verbindet sich mit dem Gott draußen, mit dem Christus-Wesen. Es lebt in dem geistigen Lichte, welches hineinstrahlt in das Gefäß und dieses dadurch heiligt.“ (Rudolf Steiner, GA 265)

Das Mysterium des Heiligen Grals ist tausendfach in Geschichten behandelt worden. Rudolf Steiner verbindet es nun mit unserem Herzen.

Für mich steht es in untrennbarer Verbindung mit jener fünften Herzkammer, die der deutsch-iranische Mediziner Dr. Otoman Zar Aducht Hanish zu Beginn der 1920iger Jahre entdeckt hat. Dieses göttliche Atom, wie Hanish es nannte, befindet sich auf der Rückseite des Herzens nahe der Wirbelsäule. Sein Durchmesser beträgt ganze 4 mm und es beinhaltet ein Vakuum, einen Nullpunkt, der zugleich Nichts und Alles ist. Hanish fotografierte den Inhalt der Vakuumzelle und vergrößerte sein Foto ins Unermessliche. Zu sehen war das Abbild eines geschlechts- und alterslosen Menschen, der sich in der heiligen Form eines Dodekaeders befindet. Ist es jenes göttliche Wesen, von dem Steiner in der zitierten Textstelle spricht? Jenes Wesen, das in uns angelegt zu sein scheint, um sich mit dem Christus-Wesen zu vereinigen, wenn die Zeit dafür reif ist? Die Blaupause von einer perfekten Version unseres Selbst?

Und noch etwas: Könnte es sein, dass die fünfte Herzkammer zugleich der Punkt ist, von dem die Umstülpung des Menschen nach seinem physischen Tod ausgeht? Das Innerste wird nach außen gekehrt und das Äußere nach innen, gleich einem umgekrempelten Handschuh. Während unsere physische Hülle auf der Erde zurückbleibt, stülpt sich im Moment des Todes unser Mikrokosmos nach außen, um sich in den Makrokosmos zu ergießen. Jener kleine Punkt auf der Rückseite unseres Herzens wird von den Medizinern als Hot Spot bezeichnet und darf während einer Herz-Operation nicht berührt werden, da dies den sofortigen Eintritt des Todes bedeuten würde. Die Temperatur im Innern des Hot Spot beträgt 100 Grad Celsius, was wir im Inneren des menschlichen Organismus sicher niemals vermuten würden, ein Hinweis darauf, dass es sich bei unserem Herzen um ein Wärmeorgan handelt und, so scheint es, um den Wohnsitz unseres I.Ch, des Jesus Christus in uns.

Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist dies Selbst
Der Geist inmitten meines Herzens
Dies Selbst bin Ich
Ich bin dies Selbst

(Rudolf Steiner)

Freitags-Gedanken am 23. August: Türme

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang

(Rainer Maria Rilke)

Auch in diesem Gedicht erscheint der Turm als wichtiges Symbol, wie es uns immer wieder in alten Schriften, in der Mythologie und in der Literatur begegnet. Offensichtlich steht er für etwas Bedeutsames, für etwas großes, das der Mensch anstrebt, über das er sich Klarheit verschaffen möchte und um das er ringen muss. Nicht immer scheint es ihm innerhalb der Zeitspanne eines Erdenlebens zu gelingen, seine eigene Position und Rolle im Verhältnis zu diesem Turm zu durchschauen. Der Turm ist ein Symbol für Entscheidendes und für Entscheidungen.

Eine der bekanntesten Turm-Geschichten finden wir im dem Alten Testament: Den Turmbau zu Babel, der untrennbar mit der Babylonischen Sprachverwirrung verbunden ist.

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder. (Gen 11, 1-9)

In früher, vorbabylonischer Zeit empfand der Mensch sich im Einklang mit dem Weltenall, mit allem Geistigen. Bauwerke wurden nach den Maßen des Kosmos bzw. des menschlichen Körperbaus errichtet, was im Grunde auf dasselbe hinausläuft, da der Mensch sich als Mikrokosmus und damit als Abbild des Makrokosmos verstand. Überall, im Großen wie im Kleinen, finden wir daher dieselben heiligen Größenverhältnisse. Die Aufgabe der Babylonier im Weltenplan war es nun, das Göttlich-Geistige auf die Erde, sprich auf die Ebene der Persönlichkeit herunter zu holen. Dies war ein bedeutsamer und notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung, der sich in der dritten nachatlantischen Kulturepoche (2907-747 v. Chr.) vollziehen musste. Der Mensch empfand sich erstmals als individuelle Persönlichkeit in der physischen Welt, getrennt von den anderen Individuen und getrennt von Gott. Die babylonische Sprachverwirrung führte dazu, dass die Menschen verstreut wurden und sich nicht mehr untereinander verstanden bzw. verständigen konnten. Vor diesem Hintergrund konnte der Turmbau nicht zum Erfolg führen, denn das Bauwerk sollte ein Ausdruck und Wahrzeichen für die ewigen heiligen Wahrheiten sein. Ziel der weiteren Menschheitsevolution ist es nun, dass es uns zunehmend gelingen mag, das Göttlich-Geistige auch im Materiellen auf der Erde zu erkennen bzw. die Materie wieder zu durch- und vergeistigen.  Dies kann  nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nur als Ergebnis eines langen, schmerzhaften Prozesses durch mehrere, jeweils 2.160 Jahre dauernde Kulturepochen hindurch, zur Verwirklichung gelangen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir uns im Moment in einer besonderen Phase der Entscheidung befinden. Auf der einen Seite scheint die Polarisierung, die Spaltung der Meinungen, Völker und Religionen so groß wie nie zuvor, auf der anderen Seite keimen aber auch die ersten zarten Pflänzchen der Rückkehr zur Einheit auf und versuchen, sich ihren Weg durch das noch so feste Erdreich zu bahnen. Diese Einheit wird jedoch eine andere sein als die der vorbabylonischen Zeit, denn sie hat die Erfahrung der Trennung, der Vereinzelung durchlaufen und diese zu etwas Neuem, zuvor nie Dagewesenen veredelt. Wenn dieser Prozess zumindest für einen Teil der Menschheit erfolgreich verläuft, wenn wir uns also auf der Grundlage unserer Individualität wieder auf unsere göttlich-geistige Herkunft und Substanz zurückbesinnen, können wir uns an einen neuen Turmbau heranwagen. Doch es wird kein physisches Bauwerk mehr sein müssen, denn der Mensch trägt nach erfolgreicher Vollendung dieses Prozesses die Weisheit um das Göttlich-Geistige in sich. Religion und ihre äußeren Zeichen werden in diesem Moment überflüssig. Müßig, darauf hinzuweisen, dass wir wohl noch lange nicht am Ende dieser Entwicklung angelangt sind.

In der großen Arkana des Tarot treffen wir den Turm auf der 16. Etappe des Weges des Narren, des Helden, an. Die Karte zeigt einen vom Blitz getroffenen brennenden Turm, aus dem zwei Menschen hinabstürzen. Das Geschehen wirkt dramatisch und signalisiert einen erzwungenen Umsturz, einen radikalen Wandel. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns dieses Ereignis, das in uns einen Schock auslösen kann. Es stellt sich die Frage, wie gehen wir damit um: wehren wir uns dagegen oder stellen wir uns der Herausforderung? Begleitet werden die herunterstürzenden Menschen auf der Karte von 22 Feuerfunken, die die Form des Hebräischen Buchstaben Yod haben, ein Hinweis darauf, dass das dramatische Geschehen vielleicht nicht nur negativ zu bewerten ist. Yod ist im Hebräischen der erste Buchstabe des heiligen Namens Gottes, der uns wachrüttelt, wenn wir einen Weg eingeschlagen haben, der uns allzu sehr in die Irre führt. Das gilt sowohl für unser individuelles Leben als auch für die Menschheit als Ganzes. Im speziellen Tarot von Aura-Soma gibt es für alle Karten der großen Arkana eine Rückwegs-Karte. Diejenige für den Turm zeigt Erzengel Michael vor dem Hintergrund des Tor auf dem Hügel von Avalon. Michael hat den ahrimanischen Drachen besiegt und ihn auf die Erde verbannt. Jetzt sind wir Menschen es, die sich mit dem Widersacherprinzip auseinander zu setzen haben. Diese Herausforderung  ist heftig, doch sie birgt gleichzeitig die Chance der Meisterung in sich. Michael überlässt uns in Freiheit unserem Schicksal, doch er steht uns auch zur Seite, wenn wir bereit für einen neuen, nunmehr inneren Turmbau sind.

In diesem Zusammenhang naheliegend ist die Assoziation mit dem Einsturz der Zwillingstürme in New York City, jenem Ereignis, das sich als 9/11 in unsere Herzen eingebrannt hat. Ein weiteres Gebäude des aus sieben Bauwerken bestehenden World-Trade-Center-Komplexes stürzte ebenfalls ein, die vier übrigen waren so stark beschädigt, dass sie später eingerissen werden mussten. Das WTC galt als Zentrum der Finanz- und Geschäftswelt, sozusagen als Tempel des Materialismus und der Globalisierten Welt, manche würden vielleicht sagen, es war ein Sinnbild für die Dekadenz der westlichen Zivilisation.

Was will uns diese Symbolik sagen? Was bedeutet es, dass gerade das Zentrum des modernen Babylon (New York) in sich zusammengestürzt ist, ja geradezu atomisiert wurde? Was hat dieser Schock, der damals um die Welt ging, in uns ausgelöst und bewirkt? Haben wir die Botschaft verstanden? Haben wir uns daraufhin gewandelt oder leben wir seither einfach so weiter wie zuvor, nur mit beschleunigten Globalisierungsbestrebungen, noch konzentrierter Finanz-Herrschaft und noch mehr Kriegen, die durch 9/11 ihre scheinheilige Rechtfertigung gewannen? Welche Macht ist damals entfesselt worden und welche Chance haben wir, darauf zu reagieren?

Diese unbequemen Fragen sollen das Ereignis in keiner Weise bewerten, sondern lediglich Denkanstöße geben. Beantworten mag sie ein jeder für sich selbst.

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