Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 19. Juli: Gut und Böse – ein Mysterium

Es scheint doch klar zu sein: Diebstahl, Betrug, Verrat, Intrigen und Verschwörungen, Gewalt gegenüber anderen Wesen und Mord sind böse. Das würde jeder sofort unterstreichen, ohne die Gesetze im Einzelnen zu kennen. Unser natürlicher Sinn für Moralität sagt uns, dass das eine Wahrheit ist. Wir mögen bereit sein, den Tätern mildernde Umstände zuzubilligen, je nachdem in welcher Situation sie sich gerade befinden. So halten wir einen Diebstahl von dringend für das eigene Überleben benötigten Nahrungsmitteln für weniger verwerflich als den professionell organisierten Raub von Wertgegenständen, bei dem auch vor etwaigen Gewalttaten nicht zurückgeschreckt wird.

Doch nicht immer liegen die Dinge so klar auf der Hand.

Wie und wodurch kann ein Mensch in eine solch verbrecherische Laufbahn hineingelangen? Welchen Anteil daran hat möglicherweise auch die Gesellschaft, also wir alle, dass der Betreffende sich so entwickelt hat. Welchen Anteil haben auch frühere Inkarnationen und vorgeburtliche Übereinkünfte zwischen heutigen Opfern und Tätern? All das ist aus der bloßen Kenntnis der Geschehnisse sicher nur unzureichend zu beantworten und soll hier auch gar nicht versucht werden.

Es ist eine andere Frage, die mich in diesem Zusammenhang umtreibt: manchmal können wir das Phänomen beobachten, dass jemand in bester Absicht handelt, um etwas Gutes zu bewirken und erreicht damit doch das Gegenteil. Dies gilt umgekehrt in gleicher Weise, jemand versucht einem anderen zu schaden, doch die Dinge entwickeln sich letztlich zu dessen Gunsten. Da wirkt dann offensichtlich ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Ich denke da zum Beispiel an die tragische Figur des Judas, einem der zwölf Jünger Jesu. Es steht geschrieben, dass er Jesus Christus für ein paar Silberlinge verraten hat, so dass dieser von den Soldaten ergriffen, verurteilt und schließlich gekreuzigt wurde, aus unserem Verständnis heraus eine zutiefst verurteilungswürdige Tat, noch dazu aus niederen Beweggründen heraus. Der Schreiber des Markusevangeliums lässt Jesus Christus während des Abendmahls die Worte sprechen: Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Welch eine Rolle hat Judas da übernommen?! Er  war der Verräter, der dem schnöden Mammon zuliebe den Christus, dessen Freund und Diener er doch als Jünger hätte sein müssen, verraten und den Schergen ausgeliefert. Und doch, hätte er es nicht getan, hätte das Geschehen nicht seinen Lauf nehmen und Christus seine Opfertat nicht vollbringen können. Aus christlicher Sicht war dieses Leiden aber unbedingt notwendig, um einen entscheidenden Wandel in der Menschheitsentwicklung möglich zu machen. In gewisser Weise hat sich also auch Judas geopfert, als der ewige Böse zur Verfügung gestellt, um den Weg für den Fortgang des Weltenplans zu ebnen. Und mal ganz nebenbei: wie oft verrät ein jeder von uns den Christus in sich für einen vermeintlich Vorteil in der äußeren Welt? Deshalb denke ich, dass es uns nicht zusteht, den Judas einseitig zu verurteilen.

Und nun ein Beispiel für den umgekehrten Fall: Die mittelalterliche Mystikerin Margarete Porete (1250/60 bis 1310) hatte ein Buch mit dem Titel Der Spiegel der einfachen Seelen geschrieben, in dem sie für die damalige Zeit sehr ungewöhnliche, freiheitliche Gedanken äußerte. Ihrer Auffassung nach müsse die Seele sich immer mehr von „Tugenden“ befreien. Heute würde man vielleicht sagen von gesellschaftlichen Zwängen und Konditionierungen. Ganz modern war ihre Idee, dass die Seele in Freiheit aus sich selbst erkenne, was gut und moralisch sei,  quasi ohne äußere irdische Autorität. Bald erregte die Schrift die Aufmerksamkeit der Würdenträger der offiziellen Kirche und Margaretes Bücher wurden öffentlich verbrannt. Sie bekam Gelegenheit, ihre Aussagen zu revidieren, doch sie stand dazu, verbreitete ihr Buch weiter und erschien nicht zu den Vorladungen der Inquisition. Ihre Meinung, die sie auch im Buch vertreten hatte, war: „Eine freie Seele sei nicht anzutreffen, wenn man sie vorlade; ihre Feinde erhalten keinerlei Antwort von ihr.  In Folge wurde sie erwartungsgemäß der Häresie für schuldig befunden und 1310 auf der Place de Grève in Paris öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die meisten würden Margaretes Verhalten sicher als aufrecht und mutig bezeichnen und sie sowohl für ihre Dichtung als auch für ihre Wahrhaftigkeit bewundern. Und das sicher zu Recht! Doch was hatte ihr Verhalten zur Folge? Es scheint sehr wahrscheinlich, dass ihr spektakulärer Fall dazu beigetragen hat, dass der Klerus auf dem Konzil von Vienne (1311-1312) härtere Regeln beschloss, sprich die Daumenschrauben der Inquisition weiter anzog. So wurde den organisierten Beginen, einer Bewegung von Frauen, die sich außerhalb des traditionellen Familien- und Klosterlebens betätigten fortan verboten, theologisch zu wirken. Das bis dahin durchaus übliche Umherziehen einzelner Beginen wurde vollständig verboten. Die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern des freien Geistes wurde ab sofort verfolgt. Außerdem beschloss das Konzil die Auflösung des Templerordens und die Übertragung seines Vermögens auf den Johanniterorden. All diese Folgen hatte Margarete sicher nicht absehen können und auch sicher nicht gewollt … und doch hat sie diese mit verursacht. Zudem können wir davon ausgehen, dass auch die Verantwortlichen der Inquisition der Auffassung waren, sie handelten im Sinne des Guten. Vermutlich fühlten sie sich verpflichtet das zu schützen, was sie für den wahren Glauben hielten.

Auch in der heutigen Zeit lassen sich viele Beispiele für ungewollte Unterstützung von Kräften finden, die dem Guten entgegenwirken. Ich denke da an all die Gutmenschen, die sicher oft in gutem Glauben Ideologien unterstützen, die sich letztlich gegen die Bevölkerung richten. Sie lassen sich im Sinne der manipulierten öffentlichen Meinung missbrauchen, ohne davon überhaupt etwas zu bemerken, ein ebenfalls tragischer Vorgang.

Diese Beispiele zeigen, dass im Bösen offensichtlich auch ein Keim des Guten zu finden ist und umgekehrt. Demnach ist also nichts absolut böse oder absolut gut. Es kann immer das jeweilige Gegenteil daraus erwachsen. Außerdem kann das, was früher sinnvoll und angebracht erschien, heute von großem Nachteil sein. Die Dinge verändern sich eben im Laufe der Zeit. Die angedeutete Relativität von Gut und Böse ist eine schwierige Lektion, mit der wir immer wieder konfrontiert werden und mit der wir lernen müssen, umzugehen.

Wenn wir anerkennen, dass es auf der höchsten geistigen Ebene allein die dreifaltige Gottheit gibt, so ist die logische Konsequenz, dass das durch die Widersacherkräfte repräsentierte Böse Teil der Schöpfung Gottes ist und in unserer Welt eine bedeutsame Aufgabe erfüllt. Eine im dritten Jahrhundert nach Christus entstandene Religion, die von dem Perser Mani oder Manes unter Einbeziehung buddhistischer, zoreastischer und christlicher Elemente gegründet wurde, setzte sich in besonderer Weise mit der Thematik von Gut und Böse auseinander.

Der christliche Okkultismus geht zu einem bedeutenden Teil auf die Manichäer zurück, deren Überlieferung lebendig geblieben ist. Ihr Begründer Manes hat drei Jahrhunderte nach Christus gelebt. Auch Augustinus, der Kirchenvater, hatte ursprünglich der Gemeinschaft der Manichäer angehört. Ein Kernpunkt der manichäischen Lehre ist der Satz vom Guten und vom Bösen. Für die landläufige Anschauung bilden das Gute und das Böse zwei absolute, miteinander unvereinbare Gegensätze, von denen das eine das andere ausschließt. Dagegen ist das Böse nach der Ansicht der Manichäer ein integrierender Bestandteil des Kosmos, es arbeitet an dessen Evolution mit und muß zuletzt durch das Gute absorbiert, verwandelt werden. Den Sinn von Gut und Böse, von Lust und Schmerz in der Welt zu studieren, ist die große, einzigartige Mission der Manichäer. (Rudolf Steiner, GA 94)

Die Manichäer glaub(t)en, dass sich nach einer Zeit der Vermischung von Gut und Böse eine strikte Trennung zwischen beidem vollziehen werde,  aus der zukünftig rein gute und rein böse Menschen hervorgehen würden. Die Manichäer und ihre Nachfolger haben es sich zur Aufgabe gemacht, das von letzterer Menschenrasse der Zukunft ausgehende Böse in Gutes zu transformieren. Was für eine Mission!

Im Hinblick auf diese Entwickelung der Menschheit (zu einer separaten bösen Menschenrasse) sind nämlich schon vor Jahrhunderten Geheimorden gegründet worden, die sich die denkbar höchsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Manichäerorden. Die Mitglieder dieses Ordens werden in ganz besonderer Weise für ihre große Aufgabe erzogen. Dieser Orden weiß, daß es Menschen geben wird, die im Karma kein Böses mehr haben werden, und daß es auch eine von Natur aus böse Rasse geben wird, bei der alles Böse noch in höherem Grade vorhanden sein wird als bei den wildesten Tieren, denn sie werden Böses tun bewußt, raffiniert, mit einem hoch ausgebildeten Verstande. Der Manichäerorden belehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, daß sie Umwandler des Bösen werden in späteren Geschlechtern. Das ungeheuer Schwierige dieser Aufgabe liegt darin, daß in jenen bösen Menschenrassen nicht etwa wie bei einem bösen Kinde neben dem Bösen noch Gutes ist, das sich durch Beispiel und Lehre höher entwickeln läßt. Jene von Natur aus ganz Bösen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied des Manichäerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolzene Böse wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein Zustand der Heiligkeit wird der sittliche Zustand auf Erden sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Heiligkeit bewirken. (Rudolf Steiner, GA 95)

Erkennen wir vielleicht schon heute erste Anzeichen der angekündigten Trennung zwischen gut und Böse? Auf jeden Fall dürfen wir gespannt sein, was uns die weitere Evolution der Menschheit noch so alles bringen wird 😉

Freitags-Gedanken am 12. Juli: Vertrauen in unser Wahrheitsgefühl

Unser Weltbild setzt sich aus unseren Glaubenssätzen zusammen, die sich im Laufe der Zeit aus verschiedenen Quellen bilden. Auf der einen Seite aus dem, was wir selbst beobachten und auf der anderen Seite aus dem, was aus unserer Umgebung an uns herangetragen wird. Das sind ebenso die Erfahrungen unserer Bekannten und Freunde wie Medienberichte und Expertenmeinungen, die uns heute auf Schritt und Tritt begegnen. Je weniger unmittelbare Erfahrungen wir selber machen und je weniger wir in direktem Austausch mit unseren Mitmenschen stehen, umso mehr Gewicht bekommt die dritte Quelle unserer Glaubenssätze, das Weltbild, das uns von Menschen übermittelt wird, die uns persönlich unbekannt sind, die sich jedoch den Anstrich verleihen, als wüssten sie über ein bestimmtes Thema bestens Bescheid. Häufig treffen wir sie in den Medien. Ihr Auftreten wirkt meist selbstbewusst und deshalb auf viele von uns überzeugend. Oft verweisen sie auf eine bestimmte Ausbildung oder Erfahrung, die sie für ihre Aussagen qualifiziert. Das lässt sie vertrauenswürdig erscheinen.

Doch häufig stimmt, das, was sie uns auf diese Weise vermitteln, nicht überein mit unseren eigenen Erfahrungen und Glaubenssätzen. In solchen Fällen fragen wir uns vielleicht, was wir von den neuen Informationen halten und wie wir damit umgehen sollen. Wie so oft ist dies eine Gradwanderung, in diesem Fall zwischen allzu ausgeprägter Bereitschaft, sich verunsichern zu lassen und Beharrungstendenzen bzw. fehlender Offenheit.

Die fünfte der sechs sogenannten Nebenübungen von Rudolf Steiner wird die Unbefangenheitsübung genannt. Sie schult unsere Offenheit auch gegenüber zunächst unstimmig erscheinenden Ideen und Konzepten und rät uns, diese erst einmal als möglich anzunehmen statt sie von vorne herein weit von uns zu weisen. In einem zweiten Schritt können wir dann unbefangen, also ohne Vorurteile prüfen, ob wir sie wirklich als wahr annehmen können.

Dazu gehört auch, dass wir sie mit unseren Erfahrungen und unserem bisherigen Wissen abgleichen. Mit unserem ganz normalen, gesunden Menschenverstand können wir prüfen, ob die neuen Informationen plausibel und folgerichtig erscheinen. Falls es sich um ein Thema handelt, in dem wir uns nicht so gut auskennen, gibt es heute genug Möglichkeiten, um uns wenigstens ansatzweise darüber zu informieren. Und natürlich können wir uns überlegen, wer diese neuen Ideen und Konzepte ins Feld geführt, was sie bewirken und für wen es nützlich sein könnte, dass wir sie übernehmen. All das zusammengenommen sollte uns Hinweise geben, ob es angebracht sein könnte, unsere bisherigen Glaubenssätze zu revidieren oder ob wir sie erst einmal beibehalten, zumindest solange, bis wir auf weitere Informationen stoßen, die in dieselbe Richtung weisen. Einfach etwas zu glauben oder nicht, nur weil es uns sympathisch oder unsympathisch erscheint, wäre jedenfalls ein schlechter Ratgeber.

Eine andere Falle kann die öffentliche Meinung sein, die uns täglich über Medien, Umfrageergebnisse und leichtgläubige Mitmenschen erreicht. Eine Unwahrheit wird nicht wahrer, wenn sie ständig wiederholt oder von noch so vielen Menschen geglaubt wird. Framing ist das moderne Zauberwort, mit Hilfe dessen uns vermeintliche Wahrheiten eingetrichtert werden sollen. Wir können leicht merken, wenn wieder „eine neue Sau durch’s Dorf getrieben wird“. Oft taucht plötzlich wie aus dem Nichts ein neues Thema auf, dass wir überall wiederfinden. In allen Zeitungen und auf allen Kanälen wird es diskutiert, wobei es sich häufig lediglich um Scheindiskussionen handelt, denn die Richtung in die sich diese entwickeln sollen, ist vorgegeben. Unterstützt wird diese Manipulation gern durch sprachliche Mittel. Es werden neue Begriffe und Redewendungen geschaffen, eine eindeutige Bewertung gleich mit inbegriffen. Die  Medien greifen diese auf und nutzen sie intensiv, damit sie sich bei den Hörern und Lesern einprägen. Wenn wir mit offenen Sinnen durch die Welt gehen, können wir diese Art von Beeinflussungsversuchen unseres freien Denkens leicht durchschauen. Nicht selten werden Dinge auf diese Weise sogar in ihr Gegenteil verkehrt, manchmal derart grotesk, dass wir es kaum für möglich halten können.

So las ich vor einiger Zeit eine Meldung im Zusammenhang mit dem darin propagierten menschengemachten Klimawandel, über die ich eigentlich nur noch lachen konnte. Darin wurden doch tatsächlich u. a. die kanadischen Wälder für die CO2-Belastung unserer Atmosphäre verantwortlich gemacht. Im Falle von Waldbränden stießen sie Unmengen an CO2 aus, war die Begründung. Da liegt die Frage nahe, sollte man sie nicht lieber vorsorglich abholzen? Dann wären gleich auch die Flächen verfügbar, auf denen man ungehindert Fracking betreiben könnte.

Aber Zynismus bei Seite, ganz so plump kommen derartige Angriffe auf unser natürliches Empfinden nur selten daher. Dennoch begegnen uns immer wieder Meldungen, die das Gegenteil von dem auszusagen scheinen, was unsere Beobachtung, unsere Erfahrung und unser gesunder Menschenverstand uns mitteilen. Von solchen Fake-News sollten wir uns nicht verunsichern lassen, sondern getrost darauf vertrauen, was uns unser innerer Wahrheitskompass dazu anzeigt. Wie schön, dass wir diese Instanz in uns finden und im Laufe unseres Lebens immer weiter ausbilden können: unser Wahrheitsgefühl! Denn …

…Kenne ich mein Verhältnis zu mir selbst und zur Außenwelt, so heiß‘ ich’s Wahrheit. Und so kann jeder seine eigene Wahrheit haben, und es ist doch immer dieselbige. (Johann Wolfgang von Goethe)

Freitags-Gedanken am 5. Juli: Bewegtes Mittelalter

Auf der Suche nach meinem Karma und meiner Identität in früheren Inkarnationen bekomme ich seit Jahren immer mal wieder einen Hinweis. Mit der Zeit hat sich die eine oder andere Fährte offenbart und es haben sich schon einige Puzzleteilchen eingefunden. Vor allem aber bin ich auf Zusammenhänge gestoßen, die auch über mein persönliches Schicksal hinaus ausgesprochen spannend sind.

Schon seit einigen Jahren faszinieren mich in diesem Zusammenhang die gotischen Kathedralen in Frankreich und in erster Linie diejenige von Chartres, die ich schon zweimal auf jeweils mehrtägigen Reisen besuchen durfte. Ihre Maße sind exakt denjenigen des Tempels des Salomon nachempfunden, jenes denkwürdigen Bauwerks des großen Baumeisters Hiram. Ein tiefes Mysterium ist mit der Tempellegende verbunden, das auch Rudolf Steiner immer wieder und vor allem in seinem Vortragszyklus, den er 1904 in Berlin hielt (veröffentlicht in GA 93), aufgegriffen hat. In ihrer heutigen Form wurde die Kathedrale in nur 66 Jahren von 1194 bis 1260 auf den Grundmauern diverser sakraler Vorgängerbauten bis hin zu vorchristlichen druidischen Heiligtümern erbaut. Wie die kürzlich durch den spektakulären Brand ihres Dachstuhls ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit geratene Notre-Dame von Paris gehört sie zu den großen Marienkathedralen Frankreichs. Die Jungfrau Maria, immer wieder auch als Sophia=die Weisheit bezeichnet, steht für den reinen jungfräulichen Astralleib, den zum Geistselbst (Manas) gewandelten Astralleib des nach Erkenntnis strebenden Menschen. An der Westfassade der Kathedrale finden wir vor allem die Darstellung der Menschwerdung Christi, jedoch auch eine kleine Aristotelesfigur, Anspielung auf die sieben Künste, die artes liberales (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), die an der Schule von Chartres bereits seit Beginn des zweiten Jahrtausends gelehrt wurden.

In der Schule von Chartres versammelten sich für etwa 200 Jahre die maßgeblichen Gelehrten der damaligen Zeit: Fulbertus von Chartres, Johannes von Selisbury und Alanus ab Insulis, um nur einige wenige zu erwähnen. Inhaltlich fußte diese geistige Strömung auf den antiken Mysterienschulen und der Philosophie Platons. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ging diese Geistesströmung mehr und mehr in die eher Vernunft betonte Lehre des Aristoteles über, die sich in der vorwiegend von den Dominikanern getragenen Scholastik ausdrückte. In welcher Weise die noch nicht wiedergeborenen Aristoteliker aus der geistigen Welt mit den bereits verkörperten Anhängern des Platon auf der Erde zusammenwirkten, beschreibt Rudolf Steiner auf eindrucksvolle Weise in seinem Vortragszyklus über die Esoterischen Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band 6 (GA 240). Darin legt er auch dar, in wie weit das physische Zusammenwirken dieser geistigen Strömungen für das 20. Jahrhundert von außerordentlicher Bedeutung ist bzw. war:

Und nach dieser Abmachung muß aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muß. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, daß viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So daß vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen. (Rudolf Steiner, GA 240)

Im Zuge meiner Recherche bin ich noch auf weitere interessante philosophisch-religiöse Strömungen und Einzelpersönlichkeiten des Mittelalters gestoßen. Es ist verblüffend, was diese oft als dunkles Mittelalter bezeichnete Zeitepoche so alles an Ideenreichtum hervorgebracht hat. Vieles davon spielte sich am Rande oder gar außerhalb der offiziellen Kirchenlehre ab, die bekanntermaßen strengstens über die Einhaltung ihrer Dogmen wachte. So beschuldigte die Inquisition etliche der damaligen Freigeister der Häresie und in Folge wurden nicht wenige unter den Augen der Öffentlichkeit auf Scheiterhaufen verbrannt.

In die Gefahr ein solches Schicksal zu erleiden kamen z. B. Die Brüder und Schwestern des freien Geistes, bei denen es sich wohl weniger um eine geschlossene Bewegung handelte. Gemeinsam war ihnen, dass sie sich nicht an von Menschen gemachte Gesetze gebunden fühlten, was ihnen vielfach den Ruf eines unmoralischen Lebenswandels einbrachte. Doch ging es ihnen eher darum, die Moralität im inneren, aus ihrer eigenen Freiheit heraus zu entwickeln, was automatisch und ohne gesetzliche Vorschriften ein rechtschaffenes Verhalten hervorrufen würde. Diese Auffassung vertrat auch die nordfranzösische Mystikerin Margarete Porete (1250/60-1310). Mit ihrem Buch Der Spiegel der einfachen Seelen. Mystik der Freiheit wirbelte die außergewöhnlich gebildete Begine reichlich Staub auf. Es wurde verboten und bereits um die Jahrhundertwende öffentlich verbrannt. Doch Margarete ließ sich nicht mundtot machen, veröffentlichte ihr Werk anonym weiter und erschien auch nicht zu den Vorladungen der Kirchenoberen. So folgte sie ihrem unerwünschten Werk am 1. Juni 1310 auf den Scheiterhaufen, wo sie auf einem öffentlichen Platz in Paris verbrannt wurde.

Dieses Schicksal blieb der sächsischen Mystikerin Mechthild von Magdeburg erspart, obgleich auch sie zeitweise in Gefahr geriet. Auch sie gehörte der Beginen-Bewegung an, in der Frauen außerhalb von der damals für sie vorgesehenen Familienrolle und auch außerhalb des Klosterlebens eine alternative Lebensform anstrebten. Teilweise hatten sie sich frei und ohne kirchliches Gelübde der Armut verschrieben und zogen über Land. Das zahlenmäßig geringere männliche Pendant der Beginen nannte sich Begarden. Margaretes siebenbändiges Werk Das fließende Licht der Gottheit ist voll von Zwiegesprächen der beiden „Liebespartner“ Seele und der dreifaltigen Gottheit. Mystikerinnen und Mystiker strebten nach unmittelbaren Gotteserfahrungen, ohne dass es einer Vermittlung durch Priester oder sonstigen kirchlichen Personals bedurft hätte, was der Kirche naturgemäß missfiel. Beide Frauen, Margarete und Mechthild, werden wegen ihrer lyrischen Dichtungen auch als Minnesängerinnen oder Troubadouras bezeichnet. Die Troubadour-Tradition war vor allem in Südfrankreich und in Verbindung mit den Katharern verbreitet. Sie sahen Gott als die reine Liebe und wollten das Göttliche von keinem Dogma erfasst wissen. Das brachten sie in ihren lyrischen Minnegesängen vor allem während des 12. Und 13. Jahrhunderts zum Ausdruck.

Über den großen, aus Thüringen stammenden Philosophen und Prediger Meister Eckhard (1260-1327) schrieb Rudolf Steiner:

Wenn Eckhart an das Wort des Paulus erinnert: «Ziehet euch Jesum Christum an», so will er diesem Worte den Sinn unterlegen: versenket euch in euch, tauchet hinunter in die Selbstbeschauung: und aus den Tiefen eures Wesens wird euch der Gott entgegenleuchten; er überstrahlet euch alle Dinge; ihr habt ihn in euch gefunden; ihr seid einig geworden mit Gottes Wesenheit. «Gott ist Mensch geworden, daß ich Gott werde.»“ (Rudolf Steiner, GA 007)

Meister Eckhards Werk wurde in Teilen als Irrlehre bezeichnet. Allerdings starb der berühmte Dominikaner eines natürlichen Todes, ehe er den Schergen der Inquisition übergeben werden konnte. Wie Albertus Magnus lehrte Meister Eckhard u. a. in Paris und Köln.

Viele der spirituellen Menschen machten sich schon lange vor Luthers Bibelübersetzung um die jeweiligen Landessprachen verdient. Die kirchlichen Rituale wurden in der damals schon toten Sprache Latein vollzogen, die das einfache Volk nicht verstand und die auch wenig geeignet war, um Innerlich-Seelisches zum Ausdruck zu bringen. So war Mechthilds Werk in Mittelhochdeutsch, Margaretes Werk in Mittelfranzösisch verfasst und wurde später ins Alemannische bzw. Englische übersetzt. Auch Meister Eckhard leistete einen wichtigen Beitrag zur Bildung einer deutschen Fachsprache für Philosophie.

Albertus Magnus (1193-1280) und sein Schüler Thomas von Aquin (1225-1274) waren wohl die berühmtesten Vertreter  des christlichen Aristotelismus und der Scholastik. Sie lehrten in Paris und Köln und wurden später von der offiziellen Kirche Heiliggesprochen und in den Rang eines Kirchenvaters erhoben.

Es war also einiges los im mittelalterlichen Kultur- und Geistesleben. Einige der damals vertretenen Lehren erscheinen recht modern und gar nicht so weit entfernt von dem, was wir uns heute jenseits der offiziellen Kirchenlehre unter einem freien und liebenden Christenleben vorstellen. Offensichtlich waren diejenigen, die diese Ideen in die Welt gebracht haben, ihrer Zeit voraus, wurden nicht verstanden und/oder nicht geduldet.

Und wie sieht es heute aus? Auch wenn den geistigen Vorreitern unserer Zeit nicht gerade der Scheiterhaufen droht, so werden auch sie oft ignoriert, verhöhnt, diffamiert und  bekämpft. Doch die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit schreitet voran, wenn wir uns auch manchmal ein schnelleres Tempo für diesen Vorgang wünschen würden. So können wir hoffen, dass irgendwann einmal die Zeit kommt, in der sich die letzten drei Worte von Mahatma Gandhis berühmtem Spruch bewahrheiten werden:

Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

Freitags-Gedanken am 28. Juni: (Un)erwünschte Individualität

Im Vergleich zu früheren Zeiten genießen wir Freiheiten, die es uns erlauben, unsere Individualität zu entfalten und unser Leben weitgehend nach unseren eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Zumindest in Mitteleuropa können wir unseren Beruf und unsere Lebensgestaltung frei wählen, so scheint ist. Weder unser Geschlecht noch unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, Familie oder Gesellschaftsschicht können uns vorschreiben, ob wir z. B. eine Familie gründen, wie wir unsere Kinder erziehen (wenn wir sie denn gezeugt/geboren haben sollten), welchem Beruf und welchen Freizeitaktivitäten wir nachgehen. Bekanntermaßen trifft das nicht auf alle Menschen weltweit zu und auch nicht auf alle Mitbürger, die ursprünglich aus anderen Kulturen stammen und in diesen teilweise noch stark verhaftet sind. In unterschiedlichem Maße fühlen wir alle uns an das gebunden, was uns durch unsere Konditionierung mit auf den Weg gegeben wurde und in unterschiedlichem Maße fühlen wir in uns das Bedürfnis, einen davon unabhängigen Weg einzuschlagen. Auch heute noch trägt so mancher Zeitgenosse Konflikte mit sich herum, die mit der Beziehung seiner Prägung zu seinen eigenen Bedürfnissen zusammenhängen.

Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen. (Rudolf Steiner, GA 31)

Diese Aussage deckt sich mit unseren Beobachtungen, dass wir unser Leben heute freier gestalten können, als in früheren Zeiten, in denen die Vorgaben von Gesellschaft, Stamm, Sippe und Familie Priorität genossen. Die Anerkennung unserer Individualität ist also eine Errungenschaft der Menschheitsevolution, Ausdruck eines höher stehenden Bewusstseins.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, einmal zu beleuchten, wo und von wem unser Streben nach individueller Entfaltung gefördert und wo es vielleicht eher unterdrückt wird.

Beginnen wir unsere Betrachtungen mit dem Eintritt in dieses Erdenleben, mit unserer physischen Geburt. Geburt und Tod sind die beiden Tore des Lebens, Geborenwerden und Sterben gehören wohl zu den tief greifendsten Erlebnissen unseres Menschseins. Das gilt sowohl für die Betroffenen selbst als auch für deren Angehörige, im Falle der Geburt in erster Linie die Mutter. Nicht nur für sie ist die Geburt eine anstrengende und schmerzhafte Angelegenheit, auch der neue Erdenbürger erfährt durch den Geburtsvorgang eine gravierende Wandlung. Von allen Seiten gequetscht, gedrückt und gezogen muss er sich damit abfinden, dass die Zeit der Geborgenheit im mütterlichen Körper zu Ende geht. Mit der Durchtrennung der Nabelschnur wird die erste Stufe zur Unabhängigkeit von einem anderen Wesen eingeläutet, ab sofort haben Atmung und Nahrungsaufnahme selbständig zu funktionieren. Wie wünschenswert wäre es doch, wenn dieser große Moment unseres Lebens sich in liebevoller Atmosphäre vollzöge, wenn wir in vollem Bewusstsein der Einzigartigkeit und Heiligkeit dieses Vorgangs durch unsere Eltern und vielleicht eine Hebamme willkommen geheißen würden. Stattdessen erleben wir dieses Ereignis meist im seelenlosen Kreissaal eines Krankenhauses, umgeben von medizinischem Equipment und eiliger Geschäftigkeit. Etwa ein Drittel der in dieser Umgebung geborenen Kinder kommen zudem per Kaiserschnitt zur Welt, eine Prozedur, die eher einer medizinischen Operation als der Neugeburt eines Wesens gleicht und Mutter und Kind um das Erfahren der so wichtigen Übergangsphase bringt. Natürlich ist es ein Segen, dass ein solcher Eingriff im Falle von Problemen möglich ist, doch sollten wir inzwischen ein Drittel Problemgeburten haben? Unwahrscheinlich! Könnte es sein, dass der ein oder andere Kaiserschnitt vielleicht nur den mechanistischen Abläufen im Krankenhaus geschuldet ist oder dass das medizinische Personal auf diese Weise eine wasserdichte Absicherung für evtl. auftretende Komplikationen erhält? Das wäre in der Tat ein erster schwerwiegender Eingriff in unsere Individualität, eine Opferung von Bedürfnissen der Betroffenen zugunsten strukturierter Krankenhausroutine.

Immer öfter führt der weitere Lebensweg unsere Jüngsten schon im Laufe des ersten Lebensjahres in staatliche Obhut, denn ein Platz in der Kinderkrippe steht heute für etwa ein Drittel der unter Dreijährigen zur Verfügung, Tendenz steigend. Man kann unterschiedlicher Auffassung darüber sein, wie sinnvoll eine so frühe Trennung von den Eltern und die Eingliederung in eine Gruppe Gleichaltriger sind. Tatsache ist, dass auf individuelle Bedürfnisse Einzelner hier nur bedingt Rücksicht genommen werden kann. Erzieherinnen haben alle Hände voll zu tun, um ihren Versorgungsaufgaben gerecht zu werden, da bleibt sicher wenig Spielraum für Extrawünsche. Spätestens nach dem dritten Geburtstag steht für fast jeden die Eingliederung in die Kindergartengruppe an. Aus dem letzten Satz von Artikel 6, Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes meinen einige die immer wieder geforderte und in Österreich und Teilen der Schweiz bereits verwirklichte Kindergartenpflicht ableiten zu können:

Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

Es ist kein Geheimnis, dass gerade in totalitären Systemen wie der ehemaligen DDR Krippen und Ganztagskindergärten der Regelfall waren bzw. sind. Hier hat der Staat ein besonderes Interesse an der frühzeitigen Rundumkontrolle über seinen Nachwuchs. Individuelle Wertevermittlung durch die Eltern und Familien sind eher unerwünscht, denn da besteht ein gewisses Risiko, dass die Erziehung in eine andere Richtung gelenkt wird als von der Obrigkeit erwünscht. Auch in unserer sogenannten Demokratie sollten wir wachsam im Auge behalten, ob sich hinter wohlklingenden Erziehungszielen wie Geschlechtsneutrale Erziehung, Frühkindliche Bildung, Interkulturelle Erziehung und Förderung von Toleranz nicht ganz etwas anderes verbirgt als wir vermuten würden.

Anders als in Österreich und in der Schweiz, wo lediglich Bildungspflicht besteht, ereilt die in Deutschland lebenden Kinder mit sechs Jahren die Schulpflicht. Allzu individuelle Verhaltensweisen sind in unseren staatlichen Regelschulen eindeutig unerwünscht. Entpuppt sich ein Kind beispielsweise als besonders lebhaft, läuft es schnell Gefahr, die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) verpasst zu bekommen. In diesem Fall werden den Eltern multimodale Therapieansätze empfohlen, um den kleinen Störenfried zur Raison zu bringen, die Verabreichung von Ritalin gleich inbegriffen. Die Bildungsinhalte in den weiterführenden Schulen befinden sich bekanntermaßen nicht immer auf dem neuesten Stand. Doch damit nicht genug, sie unterliegen auch der globalen Aufsicht des von der UNO ausgegebenen Welt-Kernlehrplans, dem sogenannten World Core Curriculum for Education, der das Bewusstsein unserer Kinder eher in vorgeprägte Bahnen lenken soll als sie zu geistig unabhängigen Menschen zu erziehen. Bertrand Russel, ein britischer Philosoph, Mathematiker und Logiker sowie Literaturnobelpreisträger von 1950 brachte das Ziel unserer „Bildung“ bereits 1922 auf den Punkt:

Es ist nicht erwünscht, dass der normale Bürger selbständig denkt, weil man der Auffassung ist, dass Leute, die selbständig denken, schwer zu handhaben sind. […] Nur die Eliten sollen denken. Der Rest soll gehorchen oder den Führern folgen wie eine Hammelherde. Die Doktrin hat, auch in Demokratien, alle staatlichen Erziehungssysteme von Grund auf verdorben.

Begleitend zum Unterrichtsstoff wird die gewünschte Prägung durch Medien, Werbung und öffentliche Meinung gefestigt, so dass zum Ende unserer Schulzeit in der Regel ein gutes Fundament für einen systemkonformen Untertanen gelegt wurde. Das Hamsterrad unseres späteren Berufslebens und das Eingebundensein in gesellschaftliche Strukturen vernebeln uns noch zusätzlich den Blick für das, was unserer Individualität, unserem wahren, über unsere Persönlichkeit hinaus wirkenden Wesen entsprechen würde.

Oft bedarf es in späteren Jahren eines gravierenden Ereignisses, vielleicht sogar einer schweren Krankheit oder eines anderen Schicksalsschlags, um uns aus den erlernten Verhaltens- und Meinungsmustern zu befreien. Doch, Gott sei Dank, können wir nicht nur durch Leiden sondern auch durch Bewusstsein zur Erkenntnis gelangen. Ganz ohne Anstrengung funktioniert das freilich nicht. Doch diese Anstrengung lohnt sich, denn was könnte beglückender sein, als jenseits aller Verwirrungen der Welt, den Weg zu uns selbst zu finden?

Freitags-Gedanken am 21. Juni: Zwischen Abgrund und Aufstieg

Zweifellos leben wir in bewegten Zeiten und so mancher mag den Eindruck gewinnen, dass diese Bewegung sich mehr und mehr beschleunigt. Es heißt, was unsere Großeltern in einem ganzen Jahr erlebt haben, das erleben wir Heutigen an einem einzigen Tag. Wir setzen uns in ein Flugzeug und erreichen ein paar Stunden später einen anderen Kontinent, wir drücken auf eine Taste und schon ist unsere Nachricht bei einem anderen Menschen angekommen, auch wenn dieser sich am anderen Ende der Welt befindet. Welch großartige Möglichkeiten bieten uns diese Entwicklungen, an die wir uns gewöhnt haben und die wir inzwischen als selbstverständlich empfinden.

Doch wenn wir in die Zukunft blicken, beschleicht uns vielleicht mitunter auch ein ungutes Gefühl ob der rasant steigenden Digitalisierung und Technisierung der Welt. Was ist heute schon alles möglich? Welche Technologien sind schon längst im Einsatz oder werden zumindest hier und dort an Ahnungslosen getestet? Welche Lügen werden der breiten Öffentlichkeit aufgetischt, um das angeblich unerklärliche Verschwinden von Flugzeugen, die Zerstäubung großer Gebäude oder das plötzliche Ableben kritischer Zeitgenossen zu erklären? Welche Folgen hätte eine flächendeckende Einführung des 5G-Netzes für unseren Organismus? Welche Implantate und Mikrochips tragen wir möglicherweise bereits in unseren Körpern und wie und von wem/von was werden sie kontrolliert und gesteuert? All diese Fragen mögen uns beunruhigen, ja Angst einjagen, denn wir haben keine Kontrolle, ja meist nicht einmal Einblick in diese Entwicklungen. Die Befürchtung beschleicht uns, dass die angedeuteten Technikinnovationen gegen uns verwendet werden, vor allem unserer Kontrollierbarkeit und Beherrschbarkeit dienen könnten, kurz gesagt, dass sie die Geister der Finsterns (wie Rudolf Steiner sie bezeichnet) benutzen, um uns mehr und mehr in ihre Machtsphäre zu ziehen.

Angesichts dieser Tatsachen mögen wir Ohnmacht empfinden und Gefahr laufen, in lähmende Lethargie und Handlungsunfähigkeit zu verfallen. Doch damit wäre allenfalls denjenigen gedient, die die Erzeugnisse ihres kalten Technikverstandes als Machtinstrument benutzen. Vielmehr müssen wir uns die Fragen stellen:

Wer sind diese Mächte, die uns da so kräftig herausfordern?  … und
Wozu fordern sie uns eigentlich heraus?

Diese Fragen können wir nur beantworten, wenn wir bereit sind, unseren Blick über unsere materielle Welt hinaus zu weiten. Unsere irdische Welt, die Welt der Wirkungen können wir nicht verstehen, ohne uns zugleich mit den geistigen Hintergründen, der Welt der Ursachen, zu beschäftigen. Goethe verpackte diese Erkenntnis in die treffenden Worte: Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.

Es reicht also nicht, wenn wir erkennen, wie uns diese oder jene Technik schaden oder nutzen kann, sondern wir müssen jenen Kräften auf die Spur kommen, die ein Interesse an ihrer Verbreitung haben und uns in ihren Bann zu ziehen versuchen. Eine gute, ja vielleicht die einzige Quelle für derartige Erkenntnisse liefern uns die Schriften und Vorträge von Rudolf Steiner. Unter anderem in seiner Vortragsreihe vom September 1917 in Dornach (GA 177, die spirituellen Hintergründe der äußeren Welt) beschreibt uns Steiner den Kampf des Erzengels Michael mit dem Drachen, der 1841 bis 1879 im Geistigen ausgefochten wurde und im Herbst 1879 mit dem Sieg Michaels endete. Seither treiben die dunklen Kräfte in verstärktem Maße  auf der Erde ihr (Un)wesen und wir Menschen sind es, die sich mit ihnen auseinander zu setzen haben. Ziel dieser ahrimanischen Kräfte ist es u. a. kalte, ja tote Intellektualität, scharfes Verstandesdenken in einseitiger Weise unter uns Menschen zu verbreiten und unseren evolutionsbedingt immer stärker aufkeimenden Draht zur geistigen Welt bei Zeiten zu unterbinden.

Materieller Verstand also auf der einen Seite, jene auf herab gestimmtem Bewusstsein beruhende Art, sich zur geistigen Welt in ein Verhältnis zu setzen, auf der anderen Seite: das war die Absicht der Geister der Finsternis. Diese Geister der Finsternis wollten vor allen Dingen eines verhindern, was nach ihrem Sturz nach dem Jahre 1879 allmählich eintreten musste: das wirkliche Herabkommen von geistigen Erfahrungen, von geistigen Erlebnissen in die Menschenseelen hinein.

Aus Sicht dieser Dunkelkräfte muss eine hinreichende Anzahl an Menschen dazu gebracht werden, ihre Ziele als die Ihrigen zu übernehmen, damit sie durch menschliche, physische Körper wirken können. Heute würden wir diesen Vorgang als Besetzung bezeichnen und wir können uns so manches vermeintlich menschliche Verhalten nur erklären, wenn wir diesen Faktor berücksichtigen. An anderer Stelle beschreibt Steiner auch ein Mittel, mit dem das Fernhalten von geistigen Erfahrungen  erreicht werden soll, denn diese würden einer derartigen Besetzung entgegenwirken.

Ich habe Ihnen gesagt, daß die Geister der Finsternis ihre Kostgeber die Menschen, in denen sie wohnen werden, dazu inspirieren werden, sogar ein Impfmittel zu finden, um den Seelen schon in frühester Jugend auf dem Umwege durch die Leiblichkeit die Hinneigung zur Spiritualität auszutreiben. Wie man heute die Leiber impft gegen dies und jenes, so wird man zukünftig die Kinder mit einem Stoff impfen, der durchaus hergestellt werden kann, so daß durch diese Impfung die Menschen gefeit sein werden, die „Narreteien“ des spirituellen Lebens nicht aus sich heraus zu entwickeln, Narrheiten selbstverständlich im materialistischen Sinne gesprochen.

In diesem Licht haben bisher sicher die wenigsten die Debatte um die Impfpflicht betrachtet! Doch genau das sind die Dinge, mit denen wir es heute ganz real zu tun haben und denen gegenüber wir zunehmend wachsam werden sollten. Es kann nicht darum gehen, neue Technologien per se abzulehnen oder gar zu bekämpfen, doch wir müssen im Blick behalten, von wem und mit welcher Absicht sie eingeführt werden sollen. Cui bono – wem dient es? Wenn es uns gleichzeitig gelingt, die drohende Abtrennung von der geistigen Welt zu verhindern, wird es genügend Menschen geben, die einem anderen Herrn als den Geistern der Finsternis dienen. Dieser Herr ist niemand anderes als der Christus in uns, unser I.Ch. Das Angebot, uns an dieser heilsamen Kraft auszurichten, besteht seit 2.000 Jahren. Wenn wir ihm folgen wollen, besteht unsere Aufgabe darin, das äußere Spiel zu durchschauen und uns weder von der Faszination noch von der Angst vor der umfassenden Technisierung der Welt beherrschen zu lassen. Vielmehr gilt es, sie mit einem das Gute fördernden Geist zu durchdringen. Dasjenige, für das die Menschheit offensichtlich noch nicht reif ist, gilt es zu erkennen und abzuwenden.

So drängt sich uns also permanent die Frage auf: Welchem Herrn will ich dienen? Immer und immer wieder, auch und gerade in unserem ganz normalen Alltagsleben, werden wir mit dieser Entscheidung konfrontiert. Immer haben wir die Wahl zwischen:

Rein materialistischer     und    geistig orientierter Weltsicht
Angst    und    Vertrauen
passivem Konsum, Bequemlichkeit    und    Handlung
gegen    und    für die Menschheitsentwicklung zu wirken
Alle gegen alle    und    Einer für alle, alle für einen
Lüge    und    Wahrheit
Kontrollwahn    und    Freiheit
Hass, Gewalt    und    Liebe
… und vielem anderen

Wir befinden uns erst auf dem Weg zum voll entwickelten Menschen und sollten nicht den Anspruch an uns stellen, heute schon immer die „richtige“ Entscheidung zu treffen. Auch wenn wir guten Willens sind, ist es schließlich nicht immer einfach herauszufinden, was das „Richtige“ denn überhaupt ist. Doch wir können uns immerhin unser Handeln bzw. Nichthandeln bewusst machen und nach Vervollkommnung streben.

Sicher werden wir noch einige Inkarnationen durchleben, die uns im Laufe der Zeit zu einer endgültigen Entscheidung führen werden. Tatsächlich stellen wir aber schon heute die ersten Weichen für die Richtung unserer zukünftigen Weltenreise. Fühlen wir uns von jenen Kräften angezogen, die uns in den Abgrund führen wollen? Dann werden wir zu dem, was materialistisch Eingestellte der Evolutionslehre Darwins folgend, schon jetzt meinen zu sein: zu intelligenten Tieren. Eine andere, von den Transhumanisten verfolgte Variante des Abgrunds liefe auf die Entwicklung zu Cyborgs hinaus, einer Mischung aus biologischen Wesen und Maschinen. Beide Ausprägungen würden einer vollständigen Abkoppelung von unserer Heimat, der geistigen Welt, gleichkommen.

Wir können aber auch einen anderen Weg gehen, einen Weg, der mehr und mehr mit der Hinwendung zum Geistigen verbunden ist, der uns zur Wahrheit, zur Freiheit und schließlich zur Liebe führt – kurz zu einem vollwertigen Menschenwesen. Diese Entwicklungsmöglichkeit ist im kosmischen Evolutionsplan für uns vorgesehen und durch das Erscheinen des Christus auf der Erde vorbereitet worden. Wenn wir sie wählen, werden sich uns noch viele geistige Horizonte eröffnen.

Die Freiheit liegt ganz bei uns.

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