Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 1. November: Aktuelles Lernziel – Unser Umgang mit dem Bösen

Nach den Erkenntnissen der Anthroposophie befindet sich die Menschheit in einem ständigen geistigen Evolutionsprozess. Erkenntnisse und Verhaltensweisen, die für uns Heutige selbstverständlich erscheinen, waren den Menschen in früheren Zeiten teilweise noch gar nicht möglich. Andererseits haben wir heute auch Fähigkeiten, über die frühere Menschen verfügten, verloren. Demnach ist es ein großer Irrtum, dass wir nicht zuletzt in unserer Geschichtsschreibung davon ausgehen, dass die Menschen immer so gewesen seien, wie in unserer Gegenwart. Was uns heute böse erscheinen mag, war früher möglicherweise angemessen. Mit der großen Flutkatastrophe, die wir in den Mythen aller Völker dieser Erde beschrieben finden und die auch aus naturwissenschaftlicher Sicht mit dem Ende der Eiszeit übereinstimmt, ging der Kontinent und die Kultur von Atlantis unter. In unserer Jüdisch/Christlichen Tradition war es Noah, der diese Katstrophe überlebte und in einer anderen Ecke der Welt mit den seinigen eine neue Kultur begründete.

Heute leben wir im fünften Zeitalter nach dieser großen Flut, mit anderen Worten im fünften nachatlantischen Zeitalter. Nach der Altindischen, der Altpersischen, der Altägyptisch-Chaldäischen und der Griechisch-Römischen Kulturepoche, obliegt nun seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts den germanischen Völkern die Leitung der Weltgeschicke. Neben den Deutsch sprachigen Ländern in Mitteleuropa sind dies vor allem die Skandinavischen und die Angel-Sächsischen Länder, also Großbritannien und Nordamerika. Letzteren fällt die Aufgabe zu, das Wesensglied der Bewusstseinsseele zu entwickeln, während dem Deutschsprachigen Raum die Entwicklung des Ich auf der Grundlage des Wirkens des J.esus Ch.ristus für die Welt anvertraut wurde. So kommt es nicht von ungefähr, dass die Initialen dieser göttlichen Wesenheit sich in unserer Sprache als jener Name wiederfindet, den wir nennen, wenn wir von uns selber sprechen und der ungeachtet aller Verschiedenheit zwischen uns Menschen dasjenige bezeichnet, das einen jeden von uns als gleichwertige und dennoch einzigartige Individualität kennzeichnet.

Eine weitere Aufgabe, die es in dieser fünften Kulturepoche zu bewältigen gilt, ist es, einen angemessenen Umgang mit dem Bösen zu entwickeln. Die Voraussetzung, um dieser Aufgabe gerecht werden zu können, ist es, dass unsere beiden Wesensglieder Bewusstseinsseele und  Ich bereits bis zu einem bestimmten Grat ausgebildet wurden.

Erst einmal müssen wir anerkennen, dass es das Böse überhaupt gibt. Das dürfte den meisten nicht gerade schwerfallen, denn schließlich werden wir unentwegt mit seinen Auswirkungen konfrontiert. Streitigkeiten, Hass und Krieg begegnen uns in den Massenmedien ebenso wie in den alternativen Informationskanälen. Die Existenz des Bösen in der Welt zu leugnen, käme demnach einer gewaltigen Ignoranz gleich.

Wenn es allerdings darum geht, das „Böse“ auch in uns selbst zu erkennen, tun wir uns gewöhnlich schon etwas schwerer. Es ist sehr viel einfacher, anderen die Schuld für bestimmte Entwicklungen zuzuschreiben als auch einmal nach unserem eigenen Anteil an einer unerwünschten Entwicklung zu fahnden. Wenn ein jeder Mensch auf der Welt das Böse in sich selbst überwindet, ist es für die gesamte Welt überwunden, eigentlich eine Binsenweisheit, mit der wir uns dennoch immer wieder schwer tun. Schon allein der Begriff überwinden ist in diesem Zusammenhang nicht einfach. Er impliziert, dass wir aus unserer Komfortzone heraustreten und aktiv werden müssen, allerdings nicht mit dem Ziel, etwas zu bekämpfen, sondern es zu verwandeln. Wie uns alte Volksweisheit schon in vielen  Märchen überliefert hat, können wir das Böse in uns nur erlösen, wenn wir es anerkennen und in ein Gutes verwandeln. Denken wir nur an Die Schöne und das Biest. Es kostet Überwindung, sich dem (vermeintlich) Bösen in Liebe hinzuwenden. Den damit verbundenen Wandlungsprozess bezeichnen wir als Metanoia.

Wir sollten anerkennen, dass in jedem von uns ein Zu-Erlösendes schlummert. Goethes Selbsterkenntnis führte ihn gar zu der Feststellung: Es gibt kein Verbrechen, das ich mir nicht unter bestimmten Voraussetzungen selbst zutrauen würde…

Wenn man einen Verbrecher sieht, das heißt jemanden, der eine böse Tat verübt, dann wird sich ein Pharisäer absolut von ihm distanzieren, da er sich besser dünkt, aus dem einfachen Grund, weil bei ihm nur die Neigung zu diesem Verbrechen besteht, die er aber geflissentlich ignoriert, obwohl sie eigentlich die Hauptsache ist. Anstelle des sich besser Dünkens, könnte sich der Betrachter sagen: Warum hast du diese Handlung nicht selbst begangen? Vielleicht lag es doch einzig an einer besseren Erziehung oder an besseren Umständen, die dich davor bewahrt haben, die Neigung zur Tat werden zu lassen, nicht an dem Fehlen der Neigung selbst. (Aus: Der Europäer, Jg.23, Oktober 2019: Thomas Meyer: Vom Sinn des Bösen)

Einer noch größeren Herausforderung als der Selbsterkenntnis stehen wir gegenüber, wenn es darum geht, das eigentliche Wesen des Bösen zu durchschauen und seine Existenzberechtigung, ja möglicherweise sogar seinen Nutzen für das große Ganze anzuerkennen. Letztere Einsicht setzt voraus, dass wir unsere Perspektive auf unser Leben und das Weltgeschehen entschieden erweitern, denn meist überblicken wir nicht mehr als unser eigenes Erdenleben und in Ansätzen das, was gerade während dieser Zeit in der Welt geschieht. Nur selten haben wir dagegen den gesamten Weltenplan vor unserem geistigen Auge und erweitert sich unser Blickfeld auf die Gesamtheit unserer wiederholten Erdenleben (auch unser großes Leben genannt) und die Evolution der Menschheit als ganzem. Je mehr es uns gelingt, mit letzterer Betrachtungsweise an die aktuellen Geschehnisse in unserem persönlichen Leben ebenso wie an die großen  in der Welt heranzutreten, um so eher lernen wir Zusammenhänge zu verstehen und erheben uns letztlich aus dem Materiellen empor, ins Geistige hinein. Denn was im Geistigen heute vorbereitet wird, zeigt sich zu einem späteren Zeitpunkt auf der Erde. Und auch das ist zutreffend: was wir heute durch unsere Gedanken, Gefühle und Handlungen auf der Erde bewirken, geht in das Geistige ein und fällt irgendwann einmal auf karmische Weise auf uns zurück. Aus diesem Grund ist es so wichtig, das Wesen des Bösen zu durchdringen und einen angemessenen Umgang mit ihm zu entwickeln, denn die Pflöcke, die wir heute einschlagen, werden unsere späteren Wege vorzeichnen, in positiver ebenso wie in negativer Hinsicht.

Die Aufgabe des Bösen ist es, dass wir an ihr wachsen und uns weiterentwickeln:

Und ganz entsprechend müssen wir denken im Bezug auf das Prinzip des Bösen. Wenn man den Schienenvergleich [durch den Eisenbahnverkehr werden die Schienen abgenutzt] nimmt, könnte es scheinen: Das Böse in der Welt hat die bösen Handlungen zum Zweck. Doch wie der physische Tod des Menschen nur Nebeneffekt der Todeskräfte ist, so sind auch die bösen Handlungen nur Nebeneffekt des Wirkens der Kräfte des Bösen. Die bösen Kräfte sind nicht dazu da, um böse Handlungen hervorzubringen. Das bedeutet natürlich nicht, dass böse Handlungen nicht vermieden werden sollen oder, wo sie als „Nebeneffekt“ entstehen, klar als solche zu beurteilen sind. Nun stellt sich wiederum die Frage: Wenn böse Handlungen in Bezug auf böse Kräfte in der Welt nicht die Hauptsache sind, ebenso wenig wie die Abnutzung der Schienen die Hauptsache beim Eisenbahnfahren ist, was ist dann hier die Hauptsache? Und nun kommt der nächste frappierende Gesichtspunkt: Das Böse ist da – man kann sagen im Einklang mit dem Wort des Herrn, dass der zugelassene Mephisto den Menschen reizen soll, dass er nicht erschlaffe, und als Teufel wirken muss -, um nach der Bewusstseinsseele die nächst höhere Stufe in unserer Wesenheit auszubilden, und das ist das Geistselbst. Durch das Böse soll der Mensch ein spirituelles Bewusstsein entwickeln. (Aus: Der Europäer, Jg.23, Oktober 2019: Thomas Meyer: Vom Sinn des Bösen)

Wenn wir uns diese Sätze auf der Zunge zergehen lassen, müssen wir uns also eingestehen, dass das Böse letztlich einem höheren guten Zweck dient. Damit steht es dem Guten oder Göttlichen nicht ebenbürtig gegenüber, sondern dient ihm in einer unterordneten Funktion. So schwer es uns auch immer wieder fällt, dies zu akzeptieren: Das Böse wirkt im Auftrag des Göttlichen. Unsere Aufgabe besteht darin, uns ihm zu stellen und es Schritt für Schritt zu überwinden. Durch ein derartiges Wirken in der Welt können wir uns mehr und mehr der Vervollkommnung unseres Menschseins nähern.

Da haben wir uns ja mal wieder nicht gerade die leichteste Aufgabe ausgesucht 😉

 

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