Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 18. Oktober: Dankbarkeit

Dankbarkeit ist nicht nur die größte aller Tugenden, sondern auch die Mutter aller anderen
(Cicero)

In dem Zitat von Cicero, einem Römischen Staatsmann und Philosophen aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert, wird die Dankbarkeit als eine Tugend bezeichnet. Der Begriff Tugend mag uns ein wenig antiquiert erscheinen und wird heute eher selten verwendet. Unter Tugenden verstehen wir die positiven Potenziale und Eigenschaften unserer Seele, die die Grundlage unseres Charakters bilden und uns Glück und Zufriedenheit bescheren können, wenn wir sie zur Entfaltung bringen. Müßig zu erwähnen, dass ein jeder von uns nicht nur Tugenden sondern auch Untugenden in sich trägt. Aber vielleicht können wir die letzteren ja mit der Zeit in Tugenden verwandeln? Die Dankbarkeit scheint mir ein wichtiger Schlüssel für diese Möglichkeit zu sein. Sie ist mit einem tiefen Gefühl verbunden, das aus einer inneren Grundhaltung erwächst bzw. erwachsen kann. Doch wodurch zeichnet sich diese Grundhaltung aus?

Wir alle wissen, dass es Menschen mit vergleichbaren Schicksalen und in vergleichbaren Lebenssituationen gibt, die damit völlig unterschiedlich umgehen. Während der eine den Fokus auf die negativen Dinge in seinem Leben legt, unzufrieden ist und sich vielleicht sogar in seinem vermeintlichen Elend häuslich einrichtet, gelingt es einem anderen einer zumindest von außen noch so ausweglos erscheinenden Situation noch etwas Positives abzugewinnen, für das er dann sogar noch Dankbarkeit entwickeln kann. Die Voraussetzung für Dankbarkeit ist die Fähigkeit, das Wahre, das Schöne und das Gute, das was uns förderlich ist in den Dingen, in der Natur, im Verhalten und den Handlungen anderer Menschen und in allem, was uns widerfährt, zu entdecken. Dankbare Menschen warten nicht auf das große Ereignis, durch das ihr Leben in eine positive Richtung gelenkt wird, nicht darauf, ihrem Traumpartner zu begegnen, den tollen Job zu ergattern oder sechs Richtige im Lotto zu bekommen. Sie sind vielmehr in der Lage, auch in ihrem ganz normalen Alltag Gefühle von Dankbarkeit entwickeln.

Wir können für eine gute Mahlzeit ebenso dankbar sein wie für eine liebevolle Geste eines Mitmenschen, für ein nährendes Gespräch unter Freunden ebenso wie für unser Lebens-Schicksal oder die gesamte Schöpfung, von der wir uns als Teil empfinden. Ja wir können selbst dann Dankbarkeit empfinden, wenn es uns einmal nicht so gut geht. Auch wir haben schließlich schon Schönes erlebt und vielleicht führt uns die momentane Durststrecke ja zu ganz neuen Erkenntnissen?! Hilfreich für das Aufkommen des Gefühls der Dankbarkeit könnte es sein, einmal (Zwischen-)Bilanz zu ziehen und darüber nachzudenken, was wir bis heute schon alles erreicht haben, auch wenn es mal nicht so läuft wie gewünscht. Sicher wird uns dann eine ganze Menge einfallen, wofür wir durchaus dankbar sein können.

Dankbarkeit ist keine isoliert zu betrachtende Tugend, sondern durchaus verwandt mit einigen anderen Eigenschaften, die wir manchmal gar nicht so genau von ihr abzugrenzen vermögen. In den Tugendkarten des „Virtues Project“ habe ich einige ähnliche Eigenschaften gefunden, die meiner Meinung nach  eng mit der Fähigkeit zur Dankbarkeit verbunden, ja vielleicht sogar Voraussetzung für diese sind. (Herausgegeben von Dr. Shima Poostchi. Shira Publishing, 2. Auflage, 2014). Die hier gewählte Reihenfolge der aufgelisteten Tugenden ist nicht willkürlich gewählt, sondern stellt eine Art Steigerung bis hin zur Dankbarkeit dar.

Aufmerksamkeit

Aufmerksamkeit bedeutet die Wahrnehmung auf die Umgebung zu richten und die Bedürfnisse im Hier und Jetzt zu erkennen. Wir sind konzentriert bei dem, was wir tun und beobachten genau, was in jeder Situation gefragt ist. Sie bedeutet ehrliches Interesse an Menschen, die uns begegnen, zu zeigen. Wir achten auf Vorlieben und Abneigungen und überlegen, wie unsere Worte und Handlungen auf andere wirken. Aufmerksamkeit hilft uns dabei, uns über unsere Ichbezogenheit zu erheben und Verbundenheit mit anderen zu fühlen. Kleine aufmerksame Zeichen oder Geschenke können den Tag eines Menschen erhellen. Lebenslange Aufmerksamkeit durchstrahlt unsere Beziehung mit anhaltender Freude und tiefem Vertrauen.

Man sieht oft etwas hundertmal, tausendmal, ehe man es zum ersten Mal richtig sieht. (Christian Morgenstern)

Achtsamkeit

Achtsamkeit bedeutet, aufmerksam und wach zu sein im Hier und Jetzt. Es gilt, die Aufgaben wahrzunehmen, vor die einen das Leben stellt. Wir denken über das Leben nach und sind uns unserer Handlungen, Worte und Gedanken bewusst. Wir betrachten unser Umfeld aufmerksam und nehmen es mit all unseren Sinnen wahr. Auf die Bedürfnisse anderer zu achten ist uns ebenso wichtig, wie uns für alle Dinge angemessen Zeit zu nehmen. Achtsamkeit hilft uns, die Emotionen zu spüren, aber uns nicht von ihnen steuern zu lassen. Wir verwandeln Ärger in Gerechtigkeit. Wir verwandeln Neid in Mitfreude. Wir fördern unser inneres Sehvermögen und nehmen die Lektionen, die unser Leben bereithält, an. Achtsamkeit verleiht uns Ausgeglichenheit und Selbstbewusstsein.

Achtsamkeit ist ein aufmerksames Beobachten, ein Gewahrsein, das völlig frei von Motiven oder Wünschen ist, ein Beobachten ohne jegliche Interpretation oder Verzerrung.
(Jiddu Krishnamurti)

Akzeptanz

Akzeptanz bedeutet, das Leben aus ganzem Herzen so anzunehmen, wie es ist. Wir sind dem Jetzt gegenüber offen, anstatt uns etwas anderes zu wünschen. In allen Lebenslagen stellen wir uns ehrlich und mutig den Tatsachen. Akzeptanz hilft uns, unbeirrt und flexibel auf Herausforderungen zu reagieren. Sie hilft uns, die Lektionen des Lebens zu lernen, um mit neu gewonnener Einsicht und gereiftem Bewusstsein voranzuschreiten. Wir akzeptieren andere und uns selbst mit all jenen Eigenschaften, die wir besitzen – und vermeiden es, das zu verurteilen oder zu kritisieren, was uns fremd ist. Erst sich selbst zu akzeptieren ermöglicht es, die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln und sie für sich und andere einzusetzen.

Das größte Geschenk, das man anderen machen kann, ist das Geschenk bedingungsloser Liebe und Akzeptanz.  (Brian Tracey)

Anerkennung

Anerkennung bedeutet, das Gute im Leben zu schätzen. Wir erkennen die Geschenke, die wir erhalten, und sind dafür dankbar. Wenn wir anderen gegenüber eine Anerkennung ausdrücken, schätzen wir die Tugenden, die sie leben. Liebe gedeiht auf dem Boden der Anerkennung. Unsere Verbundenheit mit anderen wächst, wenn wir ehrlich wahrgenommen werden und Anerkennung spüren. Die geistige Entwicklung, die das Leben von uns fordert, verlangt sowohl die Wertschätzung unserer Bemühungen, als auch die Anerkennung unseres Fortschritts. Bei unangenehmen Dingen des Lebens würdigen wir die Lernerfahrungen – sogar in schmerzlichen Zeiten. Für die Schönheiten und Freuden des Lebens schärfen wir unsere Wahrnehmung und schätzen jeden einzelnen Tag.

Was ein Mensch an Gutem in die Welt hinausgibt, geht nicht verloren. (Albert Schweizer)

Zufriedenheit

Zufriedenheit ist eine Haltung der Dankbarkeit und die Grundlage unseres Seelenfriedens. Sie fördert eine grundlose Lebensfreude. Sie bedeutet ganz bei uns zu sein und uns nicht mit anderen zu vergleichen. Wir vertrauen darauf, dass wir genug haben und uns selbst genug sind. Wenn wir zufrieden sind, spüren wir keine Gier und Neid, sondern ein inneres Wohlbefinden. Wir erkennen das passende Maß bei allen Dingen. Zufriedenheit ist die beste Medizin gegen äußere Verlockungen. Wenn wir zufrieden sind, leben wir voll und ganz im Jetzt. Diese Haltung gibt uns die nötige Tatkraft, um unsere Träume und Ziele zu erreichen. Wir schätzen das Leben und alles, was es mit sich bringt.

Jeder kann glücklich sein, wenn er ohne Sorgen, wohlauf, gesund, erfolgreich, heiter und fröhlich ist; ist er aber in unruhigen und harten Zeiten und in Krankheitstagen glücklich und zufrieden, so zeugt das von Seelenadel.  (‚Abdu’l Bahá)

Staunen

Staunen bedeutet, für die Schönheit und die Mysterien des Lebens offen zu sein. In der Haltung der Achtsamkeit nehmen wir staunend die inneren und äußeren Wirklichkeiten wahr. Es ist die Wertschätzung, die unsere Seele demgegenüber empfindet, was kostbar und inspirierend ist. Betrachten wir die Erhabenheit der Schöpfung, können wir nur staunen und empfinden Dankbarkeit. Durch Reflexion können wir die Zeichen und die Wunder erkennen, die den Weg unseres Lebens säumen. Staunen ermöglicht uns, den Sinn des Lebens zu entschlüsseln und gewährt uns tiefe Einsichten in die Wahrheit. Staunen macht unser Leben aufregend und erfüllend.

Die wahre Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen.
(Pearl Sydensticker Buck)

Und nun kommen wir zur Königsdisziplin oder –wie Cicero es ausgedrückt hat – zur Mutter aller Tugenden:

Der Dankbarkeit

Dankbarkeit bedeutet, Wertschätzung gegenüber dem Leben zu zeigen. Dank auszusprechen verbindet uns mit anderen und bringt uns und ihnen Freude. Jeden Tag nehmen wir uns die Zeit, uns Dinge ins Gedächtnis zu rufen, für die wir dankbar sind. Über diese Kostbarkeiten in unserem Leben nachzusinnen gibt uns Kraft und Energie. Dankbarkeit hilft uns, in schwierigen Situationen Hoffnung zu schöpfen und kann unsere Trauer lindern. Wir betrachten die Dinge in ihrer Verhältnismäßigkeit. Wenn wir Dankbarkeit üben, ziehen wir mehr und mehr Segnungen an, da uns der Ausdruck unserer Dankbarkeit für das Empfangen neuer Gaben öffnet. Dankbarkeit führt zu Zufriedenheit … und umgekehrt.

Für beides danken: Für das, was wir haben, und für das, was wir nicht brauchen. (Unbekannt)

Ich wünsche euch viel Spaß beim Ausfindig-Machen von Dingen, Situationen und Ereignissen, für die ihr euch in Dankbarkeit üben könnt J

Ein Kommentar zu “Freitags-Gedanken am 18. Oktober: Dankbarkeit

  1. Die höhere Entwicklung der Seele beginnt dann erst,
    wenn man sich über die kleinste Blume,
    über das kleinste Blumenblatt,
    über das unscheinbarste Käferchen oder Würmchen so wundern kann,
    wie über die größten kosmischen Vorgänge.
    (Rudolf Steiner)

    …..so sehe ich das mit der Dankbarkeit 🙂 Dankbar zu sein oder Dankbarkeit zu empfinden, auch gerade dann wenn es einem mal nicht so gut geht, ist eine hohe Tugend! Für mich beginnt die Dankbarkeit schon mit dem Schöpfungsprozess, mit der
    Urschöpfung allen Seins!

    Liebe Grüße
    Maria

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