Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 4. Oktober: Reiseimpressionen zur Michaelszeit

Über den Michaeli-Tag am 29. September unternehme ich eine kleine Reise nach Basel, eine hübsche Stadt am Rhein mit einem ganz eigenen Flair. Auf der einen Seite empfinde ich sie durchaus als  lebendig und quirlig, auf der anderen Seite aber auch als beschaulich und eine gewisse Ruhe ausstrahlend. So, als ob die Welt hier noch ganz in Ordnung wäre. Marktstände mit kulinarischen Spezialitäten finde ich ebenso wie Kitschläden und hochpreisige Boutiquen. Ich höre viel Italienisch, Französisch und Schwitzer Dütsch, sehe zahlreiche Inder und Afrikaner im Straßenbild. Die Menschen, die mir auf der Reise begegnen, sind allesamt freundlich und hilfsbereit.

Basel und Dornach in unmittelbarer Umgebung sind jedenfalls sehr geeignete Orte, um ein wenig auf den Spuren Michaels und gleichzeitig Rudolf Steiners zu wandeln. Wieder einmal wird mir bewusst, wie eng doch diese beiden Wesen – der Mensch Rudolf Steiner und das hohe Geistwesen Michael (mittlerweile kein Erzengel mehr, sondern schon auf der Stufe eines Zeitgeistes stehend) – miteinander verbunden sind. Ja man kann sagen, Rudolf Steiner hat die bis dahin ausschließlich im Geistigen wirksame Michaelschule durch die Begründung der Anthroposophie auf die Erde geholt.

So sind denn auch die insgesamt vier verschiedenen Phasen dieser Michaelschule Thema der Buchvernissage von Thomas Meyer, die ich am Michaelstag besuchen darf. Thomas Meyer ist ein bekannter Autor und Verlagsleiter des Baseler Perseus Verlags, der sich mit zahlreichen Veröffentlichungen und Vorträgen um die Verbreitung der Wissenschaft vom Geist verdient gemacht hat. Wie Axel Burkart und Hans Bonneval zählt er zu jenen Urgesteinen, die den wahren Geist der Wesenheit Anthroposophia gegen alle Widerstände anderer Strömungen bewahrt haben. Schon allein dadurch beweisen die Genannten wahrhaft Michaelischen Geist, der sich ja gerade im Mut zur Geisterkenntnis und in der Tatkraft, diese mit Entschlossenheit umzusetzen, ausdrückt.

Wer ein wenig mehr über Michael und diese gerade heute für uns alle so wichtige Kraft zum Erkenntnismut sowie diese ganz besondere Jahreszeit, in der wir alljährlich mit unserem inneren Drachen zu kämpfen haben, wissen möchte, dem seien diese beiden Vorträge von Axel Burkart empfohlen:

https://www.youtube.com/watch?v=2PLQhRzp1xE

https://www.youtube.com/watch?v=SeHxthpaB7s

Wer sich für die angesprochene Michaelschule und die Rolle, die Rudolf Steiner darin spielt, interessiert, dem empfehle ich das neu erschienen Büchlein von Thomas Meyer:

Wie Zwerge auf den Schultern von Riesen. Die Michaelschule und ihre vier bisherigen Phasen vom 15. Jahrhundert bis in die Gegenwart und nahe Zukunft. Basel, 2020.

Der Titel entspricht einem Zitat von Bernhard von Chartres, einem der Lehrer der berühmten Schule von Chartres, die im Hochmittelalter, etwa von 1000 bis 1200, das Geistesleben Europas entscheidend prägte. Es wurde zu einem geflügelten Wort, das voller Demut auf die großen Geister hinweist, die vor den Chartres-Lehrern und erst recht vor uns Heutigen die Menschheit mit ihren Impulsen befruchteten. Damals waren es vor allem Platon und Aristoteles, bis heute sind noch ein paar weitere hinzugekommen, die uns auf ihre Schultern nehmen, wenn wir dazu bereit sind. Im Hinblick auf das Thema des Buches werden diese Riesen nicht zuletzt durch Michael und Rudolf Steiner repräsentiert. Und wieder begegnen mir jene wunderbaren Glasfenster aus der Kathedrale von Chartres, die ich bei zwei Besuchen der Kathedrale auch schon Life bewundern durfte. Sie stellen die Evangelisten dar, die auf den Schultern von Propheten sitzen. Diesmal kommen die Lazarettfenster unterhalb der Südrose in Form von Abbildungen im Buch zu mir. Wie großartig sich doch wieder alles zusammenfügt!

Am Montag danach besuche ich das zweite Goetheanum in Dornach, einem kleinen Ort bei Basel. Es handelt sich um den 1928 fertig gestellten Nachfolgebau des ersten Goetheanums, einem großartigen Holzbau mit zwei Kuppeln, der in der Silvesternacht 1922/1923 durch Brandstiftung zerstört wurde. Das Bauwerk sollte schon durch seine äußere Gestalt das Wesen der Anthroposophie verkörpern und gleichzeitig als Bildungsstätte, Theater- und Kunststätte dienen. Seine Maße griffen die bereits zuvor in der Kathedrale von Chartres und im Tempel des Salomon angewendeten Maße der Heiligen Geometrie auf, die im Hinblick auf ihre Größenverhältnisse ein Abbild des Menschen darstellen.

Der heutige Betonbau beruht ebenfalls auf Entwürfen von Rudolf Steiner, wurde jedoch erst nach seinem Tod, im Jahr 1928 vollendet. Wir finden hier den Sitz der Freien Hochschule sowie der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft AAG. Von beiden Institutionen hört man nicht nur Positives. Immer wieder geht es um Äußerungen und Aktivitäten der Verantwortlichen, die dem Geist Rudolf Steiners und der von ihm gegründeten Anthroposophie entgegenwirken. Doch diese Querelen blende ich als Besucherin aus.

Mir geht es an diesem Tag einzig und allein darum, das Goetheanum, die vielen ebenfalls im organischen Baustil gestalteten Gebäude der Umgebung sowie die liebliche Hügellandschaft auf mich wirken zu lassen. Die strahlende Herbstsonne meint es gut und macht es mir leicht, meine Eindrücke im rechten Licht zu empfangen. Ich setze mich mal auf diese, mal auf jene Bank und genieße den Ausblick auf das imposante Bauwerk und die Schönheit der Umgebung. Am heutigen Montag geht das völlig ungestört, denn es gibt weder Führungen noch Besuchergruppen, die meiner Andacht im Wege ständen. Die Stille, das Sonnenlicht, die wohlige Wärme des Herbstes, die Ästhetik der mich umgebenden Gebäude (Heizhaus, Glaserei, Schreinerei, Haus Duldeck…), all das lasse ich auf mich wirken. Meine Gedanken gleiten zu Rudolf Steiner: Wo hat er zu den Arbeitern gesprochen? Wie ist er leichtfüßig und mit wehendem Gehrock den Hügel hinauf gestürmt?  Welche Anweisungen hat er den vielen Künstlern gegeben, die damals am Bau des ersten Goetheanums mitgewirkt haben? Mitten im ersten Weltkrieg haben hier Menschen aus allen möglichen Nationen friedlich zusammengearbeitet, getragen von dem gemeinsamen Willen etwas Großartiges zu erschaffen, das sich über all den irdischen Zwist und die Kleingeisterei zu erheben vermag. Diese Gedanken dringen in meine Seele und verursachen eine tiefe Freude. In diesem Moment trage ich die innere Gewissheit in mir: Ja, es finden sich auch heute und in Zukunft Menschen, die diesen Erkenntnisweg beschreiten werden, den Rudolf Steiner uns ganz im Sinne Michaels ermöglicht hat.

Jeweils eine Stunde lang, nutze ich die Gelegenheit, den großen Saal und die 9 Meter große Holzstatue Der Menschheitsrepräsentant zu besichtigen. Im Saal haben etwa 1000 Zuschauer Platz, um Theater- und Eurythmievorstellungen zu erleben. Ihn zieren 8 riesige in strahlenden Farben gestaltete Glasfenster, zwei grüne, zwei blaue, zwei violette und zwei Korallfarbige. Im Treppenhaus dann das leuchtend rote Tryptichon. Die gewölbte Decke ist mit verschiedenen Szenen des Erkenntnisweges nach den Entwürfen Rudolf Steiners bemalt. Ich blicke staunend auf das, was sich meinem Auge darbietet und freue mich einmal mehr über die ungestörte Atmosphäre. Nur hinter der Bühne kommt Betriebsamkeit auf, vermutlich laufen dort Vorbereitungen für eine baldige Aufführung. Doch der dunkelrote Samtvorhang verbirgt den Blick auf die dort ablaufenden Aktivitäten. Das Treppenhaus erlebe ich lichtdurchflutet in Pastelltönen bemalt, hier und da ein Symbol in den Gips der Wand gedrückt, u. a. die Siegelbilder der vier Mysteriendramen Rudolf Steiners. Der Menscheitsrepräsentant steht im Mittelpunkt der gleichnamigen Holzstatue, Jesus Christus in ähnlicher Haltung wie der Magier auf der zweiten Tarot-Karte. Mit einem Arm gen Himmel und einem gen Boden gerichtet weist er auf die Doppelnatur des Menschen hin und auf die Gefahren die ihm von Luzifer von oben und von Ahriman von unten lauern, jenen beiden Widersacherkräften, die oft allzu sehr an uns zerren und uns aus unserer Mitte zu bringen trachten. Ein großartiger Anblick! Vor meinem geistigen Auge sehe ich Rudolf Steiner auf einer Leiter stehend an einem Detail der Holzplastik schnitzen, so wie ich es einmal auf einem alten Foto gesehen habe.

In Ehrfurcht verabschiede ich mich von dem großartigen Bauwerk und trete den Rückweg an. Dort begegnen mir noch eine Schafherde, deren Präsenz mir auf dem Hinweg ganz entgangen war und ein freundliches Gespräch mit einem Eurythmisten, der zu seiner Arbeit in der Gegenrichtung unterwegs ist. In stillem Einverständnis tauschen wir uns über die Weltlage, die jüngsten politische Entwicklungen und das Wesen der Anthroposophie aus. Es stellt sich heraus, dass er der Gründer oder Mitbegründer einer neuen Partei namens Partei für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ist. Ich erzähle von unserem Projekt Zukunft-s-imPuls und unseren diesbezüglichen Plänen. Beflügelt und uns der Existenz Gleichgesinnter voll bewusst geht ein jeder von uns seiner Wege. Wenn da nicht Michael seine „Finger“ im Spiel hatte 😉

Was für zwei wunderbare, bereichernde Urlaubstage! Voller Dankbarkeit für das Erlebte trete ich am Dienstagmorgen die Rückreise in die Kölner Heimat an.

 

 

3 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 4. Oktober: Reiseimpressionen zur Michaelszeit

  1. Ja da hast du Recht Ursula! Freiheit kann man nicht erkaufen, man muss sie erstreben und das setzt eine Disziplin voraus! Höchste Disziplin im Umgang mit den Widersacherkräften und auch Disziplin im Umgang mit dem eigenen Ich und vor allem Demut, Läuterung und auch gewisse Opfer. Es ist eine Herausforderung der wir täglich ausgeliefert sind. Jeden Tag auf’s Neue müssen wir Stück für Stück unsere alte Hülle lassen! Wie der Schmetterling aus der Raupe!

  2. Liebe Maria,
    schön, dass ich deine Reiselust noch ein wenig mehr anheizen konnte 🙂 Durch die Reise – vor allem auch durch das Seminar über die Michaelschule – ist mir noch einmal tiefer bewusst geworden, was die Anthroposophie eigentlich für die Erdenmission der Menschheit bedeutet. Sie ist viel, viel mehr als irgendeine Weltanschauung oder Geistesströmung. Sie hat das Potenzial, die Menschen, die sich ihr gegenüber öffnen, in völlig neue Wesen zu verwandeln, in eine bisher noch nicht dagewesene Ausprägung unserer Spezies. Immer klarer wird mir auch, was in Wahrheit alles zum Kampf gegen die Anthroposophie zu rechnen ist, auch wenn es unter völlig anderer Flagge verkauft wird. Ganze Kriege sind aus der Angst vor dem freien, wahrhaftigen, nicht zu manipulierenden und nicht zu versklavenden Menschenwesen entstanden, in das wir uns mit Hilfe der Geisteswissenschaft zu verwandeln vermögen.
    Ich bin sicher, wir müssen uns noch auf so manchen Angriff gefasst machen. Und der Fels in der Brandung, das muss unser eigenes Ich werden, der Jesus Christus in uns, wie es Paulus so schön ausdrückt.
    Liebe Grüße
    Ursula

  3. Liebe Ursula,
    ich danke dir herzlichst für diese wahnsinng tolle Erzählung aus deinem Reisetagebuch. Mich packt schon vollkommen die Reiselust der geplanten Reise im Frühjahr. Vor meinem geistigen Auge kann ich Dank deiner bildhaften Beschreibung, voller Lieblichkeit, deinen Gefühlen und Gedanken wahrhaftig folgen. Es sind 100 Jahre getragen von Sehnsucht, Freude, Leid, Traurigkeit, Hoffnung aber auch Zuversicht! Das Goetheanum scheint in sich zu ruhen und steht meiner Ansicht nach wie ein Fels in der Brandung. Mahnend für die Schläfrigen und hoffnungsvoll für die Verstehenden! Ich danke dir für diesen tollen Einblick!
    Ein wunderbares Wochenende wünsche ich,
    von Herzen,
    Maria

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