Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 6. September: Urteile (nicht)

Häufig hören wir die Aufforderung, dass wir bloß nicht urteilen sollen. Doch ist das überhaupt möglich? Sind wir nicht im ganz normalen Alltagsleben immer wieder genötigt, zu urteilen, um überhaupt im Leben zu recht zu kommen?

Dazu sollten wir uns zunächst einmal mit dem Begriff des Urteils auseinandersetzen, denn
– wie so oft – versteht jeder etwas anderes darunter. Dadurch entstehen unnötige Missverständnisse und die Gesprächspartner reden aneinander vorbei.

Da gibt es zunächst einmal das Erkenntnisurteil, das eigentlich nichts anderes ist als eine ganz normale Aussage. Ehe es dazu kommt, ist allerdings blitzartig ein innerer Prozess in uns abgelaufen. Wir nehmen etwas wahr und suchen dafür einen Begriff. Beides zusammen führt uns dann zu der Erkenntnis, womit wir es eigentlich zu tun haben. Sofern der Begriff in unserem Gedächtnis vorhanden ist, wir eine Situation oder einen Gegenstand also schon einmal erlebt haben bzw. kennen, ist dies ein völlig selbstverständlicher, ja fast banaler Vorgang. Das Erkenntnisurteil versetzt uns also in die Lage eine sachliche Aussage über etwas zu treffen. Es ist essenziell und wird hunderte Male am Tag von uns „gefällt“.

Die zweite Form des Urteils nennen wir ästhetisches Urteil. Hier  kommt unsere Seele ins Spiel, unser individuelles Gefühl darüber, was uns sympathisch oder unsympathisch ist, was wir schön oder hässlich finden. Zwar gibt es auch universelle Regeln für Schönheit wie z. B. die Größenverhältnisse, die dem goldenen Schnitt zugrunde liegen oder die Klänge der Solfeggio-Frequenzen, doch abgesehen davon, sind dem persönlichen Geschmack bzw. Schönheitsempfinden keine Grenzen gesetzt. Gefallen macht schön nennt es der Volksmund.

Als drittes gibt es das moralische Urteil. Das wird vor Gericht gesprochen, wenn der Richter entscheidet, ob jemand schuldig oder nicht schuldig ist. Diese Art von Urteil ist gemeint, wenn es heißt: urteile nicht! Und tatsächlich steht es uns gut an, uns zumindest im täglichen Leben damit zurück zu halten, denn was wissen wir schon über die Hintergründe und Motive einer Tat? Nicht von ungefähr rät uns Jesus Christus: Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden. Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden. Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden. (Lukas 6, 37). Diese Worte spricht Christus vor dem Hintergrund der geistig-göttlichen Gerechtigkeit, dem Karma. Danach richtet sich jeder ohnehin selbst, da er das Bedürfnis hat, seine Fehler aus früheren Leben wieder auszugleichen. Den Mitmenschen auf der Erde steht es dagegen nicht wirklich zu, ein Urteil über jemand anderen zu fällen.

Eine kleine Geschichte aus China führt uns eindrucksvoll vor Augen, wie sehr wir doch manchmal mit unserem voreiligen moralischen Urteil danebenliegen können, einfach weil wir den höheren Plan hinter dem Geschehen nicht durchschauen und nur die unterste, gerade für uns offensichtliche Ebene betrachten:

Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Sie boten fantastische Summen für das Pferd, aber er verkauft es nicht. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, um die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber sagte: „Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.

Aber nach 15 Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann, die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: “ Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf, zu urteilen. Niemand weiß, was kommt. Sagt nur dies, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist – urteile nicht….
Chinesische Geschichte aus der Zeit Laotse

Es gibt zumeist mehrere Ebenen der Wahrheit und am obersten Ende steht dann Gottes Plan. Bei diesem können wir sicher sein, dass alles nur zu unserem Besten geschieht, bei allem, was sich in den Ebenen darunter abspielt, sollten wir mit dem Urteilen aber vorsichtig umgehen

Fälschlicherweise setzen wir Urteilen und Bewerten in unserem normalen Sprachgebrauch häufig gleich.

Ein alter Mann lebte in einem Dorf. Sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Sie boten fantastische Summen für das Pferd, aber er verkauft es nicht. Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich, um die Leute sagten: „Du dummer alter Mann. Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde. Es wäre besser gewesen, du hättest es verkauft. Welch ein Unglück!“ Der alte Mann aber sagte: „Geht nicht zu weit das zu sagen. Sagt einfach: das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es ein Unglück ist oder ein Segen weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was daraus folgen wird.“ Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewusst, dass er ein bisschen verrückt war.

Aber nach 15 Tagen kehrte das Pferd plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch 12 wilde Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sagten: „Alter Mann, du hattest recht, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen.“ Der Alte entgegnete: „Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach, das Pferd ist zurück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz. Wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen?“

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn und der begann, die wilden Pferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich die Beine. Wieder versammelten sich die Leute, und wieder urteilten sie: „Alter Mann, du hattest recht. Es war ein Unglück. Dein einziger Sohn kann nun seine Beine nicht mehr gebrauchen. Und er war die Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.“ Der Alte antwortete: “ Ihr seid besessen vom Urteil. Geht nicht zu weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Denn das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.“

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er verkrüppelt war. Der ganze Ort war vom Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war. Und man wusste, dass die meisten jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Sie kamen zu dem alten Mann und sagten: „Du hattest recht, alter Mann. Es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn ist zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir.“ Der alte Mann antwortete wieder: „Ihr hört nicht auf, zu urteilen. Niemand weiß, was kommt. Sagt nur dies, dass man eure Söhne in die Armee eingezogen hat, und dass mein Sohn nicht eingezogen wurde. Doch nur Gott, der das Ganze kennt, weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist – urteile nicht….

(Chinesische Geschichte aus der Zeit von Laotse)

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