Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 23. August: Türme

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang

(Rainer Maria Rilke)

Auch in diesem Gedicht erscheint der Turm als wichtiges Symbol, wie es uns immer wieder in alten Schriften, in der Mythologie und in der Literatur begegnet. Offensichtlich steht er für etwas Bedeutsames, für etwas großes, das der Mensch anstrebt, über das er sich Klarheit verschaffen möchte und um das er ringen muss. Nicht immer scheint es ihm innerhalb der Zeitspanne eines Erdenlebens zu gelingen, seine eigene Position und Rolle im Verhältnis zu diesem Turm zu durchschauen. Der Turm ist ein Symbol für Entscheidendes und für Entscheidungen.

Eine der bekanntesten Turm-Geschichten finden wir im dem Alten Testament: Den Turmbau zu Babel, der untrennbar mit der Babylonischen Sprachverwirrung verbunden ist.

1 Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. 2 Als sie nun nach Osten zogen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. 3 Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! – und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel 4 und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. 5 Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. 6 Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. 7 Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! 8 So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. 9 Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder. (Gen 11, 1-9)

In früher, vorbabylonischer Zeit empfand der Mensch sich im Einklang mit dem Weltenall, mit allem Geistigen. Bauwerke wurden nach den Maßen des Kosmos bzw. des menschlichen Körperbaus errichtet, was im Grunde auf dasselbe hinausläuft, da der Mensch sich als Mikrokosmus und damit als Abbild des Makrokosmos verstand. Überall, im Großen wie im Kleinen, finden wir daher dieselben heiligen Größenverhältnisse. Die Aufgabe der Babylonier im Weltenplan war es nun, das Göttlich-Geistige auf die Erde, sprich auf die Ebene der Persönlichkeit herunter zu holen. Dies war ein bedeutsamer und notwendiger Schritt in der Menschheitsentwicklung, der sich in der dritten nachatlantischen Kulturepoche (2907-747 v. Chr.) vollziehen musste. Der Mensch empfand sich erstmals als individuelle Persönlichkeit in der physischen Welt, getrennt von den anderen Individuen und getrennt von Gott. Die babylonische Sprachverwirrung führte dazu, dass die Menschen verstreut wurden und sich nicht mehr untereinander verstanden bzw. verständigen konnten. Vor diesem Hintergrund konnte der Turmbau nicht zum Erfolg führen, denn das Bauwerk sollte ein Ausdruck und Wahrzeichen für die ewigen heiligen Wahrheiten sein. Ziel der weiteren Menschheitsevolution ist es nun, dass es uns zunehmend gelingen mag, das Göttlich-Geistige auch im Materiellen auf der Erde zu erkennen bzw. die Materie wieder zu durch- und vergeistigen.  Dies kann  nicht von heute auf morgen geschehen, sondern nur als Ergebnis eines langen, schmerzhaften Prozesses durch mehrere, jeweils 2.160 Jahre dauernde Kulturepochen hindurch, zur Verwirklichung gelangen.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir uns im Moment in einer besonderen Phase der Entscheidung befinden. Auf der einen Seite scheint die Polarisierung, die Spaltung der Meinungen, Völker und Religionen so groß wie nie zuvor, auf der anderen Seite keimen aber auch die ersten zarten Pflänzchen der Rückkehr zur Einheit auf und versuchen, sich ihren Weg durch das noch so feste Erdreich zu bahnen. Diese Einheit wird jedoch eine andere sein als die der vorbabylonischen Zeit, denn sie hat die Erfahrung der Trennung, der Vereinzelung durchlaufen und diese zu etwas Neuem, zuvor nie Dagewesenen veredelt. Wenn dieser Prozess zumindest für einen Teil der Menschheit erfolgreich verläuft, wenn wir uns also auf der Grundlage unserer Individualität wieder auf unsere göttlich-geistige Herkunft und Substanz zurückbesinnen, können wir uns an einen neuen Turmbau heranwagen. Doch es wird kein physisches Bauwerk mehr sein müssen, denn der Mensch trägt nach erfolgreicher Vollendung dieses Prozesses die Weisheit um das Göttlich-Geistige in sich. Religion und ihre äußeren Zeichen werden in diesem Moment überflüssig. Müßig, darauf hinzuweisen, dass wir wohl noch lange nicht am Ende dieser Entwicklung angelangt sind.

In der großen Arkana des Tarot treffen wir den Turm auf der 16. Etappe des Weges des Narren, des Helden, an. Die Karte zeigt einen vom Blitz getroffenen brennenden Turm, aus dem zwei Menschen hinabstürzen. Das Geschehen wirkt dramatisch und signalisiert einen erzwungenen Umsturz, einen radikalen Wandel. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel trifft uns dieses Ereignis, das in uns einen Schock auslösen kann. Es stellt sich die Frage, wie gehen wir damit um: wehren wir uns dagegen oder stellen wir uns der Herausforderung? Begleitet werden die herunterstürzenden Menschen auf der Karte von 22 Feuerfunken, die die Form des Hebräischen Buchstaben Yod haben, ein Hinweis darauf, dass das dramatische Geschehen vielleicht nicht nur negativ zu bewerten ist. Yod ist im Hebräischen der erste Buchstabe des heiligen Namens Gottes, der uns wachrüttelt, wenn wir einen Weg eingeschlagen haben, der uns allzu sehr in die Irre führt. Das gilt sowohl für unser individuelles Leben als auch für die Menschheit als Ganzes. Im speziellen Tarot von Aura-Soma gibt es für alle Karten der großen Arkana eine Rückwegs-Karte. Diejenige für den Turm zeigt Erzengel Michael vor dem Hintergrund des Tor auf dem Hügel von Avalon. Michael hat den ahrimanischen Drachen besiegt und ihn auf die Erde verbannt. Jetzt sind wir Menschen es, die sich mit dem Widersacherprinzip auseinander zu setzen haben. Diese Herausforderung  ist heftig, doch sie birgt gleichzeitig die Chance der Meisterung in sich. Michael überlässt uns in Freiheit unserem Schicksal, doch er steht uns auch zur Seite, wenn wir bereit für einen neuen, nunmehr inneren Turmbau sind.

In diesem Zusammenhang naheliegend ist die Assoziation mit dem Einsturz der Zwillingstürme in New York City, jenem Ereignis, das sich als 9/11 in unsere Herzen eingebrannt hat. Ein weiteres Gebäude des aus sieben Bauwerken bestehenden World-Trade-Center-Komplexes stürzte ebenfalls ein, die vier übrigen waren so stark beschädigt, dass sie später eingerissen werden mussten. Das WTC galt als Zentrum der Finanz- und Geschäftswelt, sozusagen als Tempel des Materialismus und der Globalisierten Welt, manche würden vielleicht sagen, es war ein Sinnbild für die Dekadenz der westlichen Zivilisation.

Was will uns diese Symbolik sagen? Was bedeutet es, dass gerade das Zentrum des modernen Babylon (New York) in sich zusammengestürzt ist, ja geradezu atomisiert wurde? Was hat dieser Schock, der damals um die Welt ging, in uns ausgelöst und bewirkt? Haben wir die Botschaft verstanden? Haben wir uns daraufhin gewandelt oder leben wir seither einfach so weiter wie zuvor, nur mit beschleunigten Globalisierungsbestrebungen, noch konzentrierter Finanz-Herrschaft und noch mehr Kriegen, die durch 9/11 ihre scheinheilige Rechtfertigung gewannen? Welche Macht ist damals entfesselt worden und welche Chance haben wir, darauf zu reagieren?

Diese unbequemen Fragen sollen das Ereignis in keiner Weise bewerten, sondern lediglich Denkanstöße geben. Beantworten mag sie ein jeder für sich selbst.

5 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 23. August: Türme

  1. Liebe Ursula,
    Der Turmbau zu Babel steht im Alten Testament auch als Symbol für die Hybris des Menschen, die Gott nicht duldet und Babylon galt dem AT nach als sündige Stadt. Heute ist die Welt voller Turmbauten: Wohntürmen, Aussichtstürmen, Fernsehtürmen Kirchtürmen usw. Sie haben aus heutiger Sicht ihr schlechtes Image verloren und sindreine Zweckbauten, weenn man einmal von den Kirchtürmen absieht, die man auch als Zeichen für das Streben nach Gott deuten kann.
    Liebe Grüße M….

  2. Ja, ich würde sagen: Die tiefe „unergründliche“ Weisheit, denn Aura Soma, bzw.
    meine Farbauswswahl hat es vorher schon gewusst und angekündigt! Ich würde das nicht nur als Phänomen beschreiben sondern eine Aussenkehr der Seele! Oder eher….. eine Umstülpung?
    Lieben Gruß,
    Maria

  3. Liebe Maria,
    es überrascht mich nicht, dass dich das Thema diesmal besonders anspricht 😉
    Bei der Beschäftigung mit dem Text ist mir noch einmal die tiefe Weisheit auch von Aura-Soma klar geworden. Die B94, also der Rückweg des Turms=Erzengel Michael steht ja auch für die 13, die ebenfalls mit Wandel und dem Beginn von etwas Neuem verbunden ist. Gut, dass du diese Flasche damals gleich mitgewählt hast!
    Am 11.9.2001 wurde die B102 geboren, Erzengel Samael, eine sehr dunkle Flasche (Dunkel Olive/Tief Magenta). Es heißt, Michael habe Samael zu Hilfe gerufen, um die Menschen auf der Erde bei der Bewältigung ihrer schweren Aufgabe (Umgang mit den Widersacherkräften) zu unterstützen. Es ist also die dritte Flasche, die mit dem Turm in Beziehung steht. „Ihr Thema lautet: „Ein Neubeginn für die Hoffnungen in uns selbst.Worauf bauen wir die Fundamente unseres Lebens?“
    Alles Liebe
    Ursula

  4. Liebe Ursula,
    da wären wir mal wieder beim Turm! Welchen drastischen Erfahrungen und Richtungswechsel „ICH“ durch meinen zusammenstürzenden Turm erleben durfte, weisst du nur zu gut!
    Ich sage hierzu nur: Mensch erkenne dich selbst! Hierzu müssen Türme schon mal eingerissen und wieder neu aufgebaut werden! Aber der neue Turm, steht fester und erschütterlicher als der alte!

    Wenn jeder Mensch seinen neuen Turm auf festem Grundstein wieder aufbaut, dann sollte der Entstehung des neuen Jerusalems nichts mehr entgegen stehen! Natürlich ist es noch ein langer Weg bis dorthin aber wir erfahren jetzt schon einen großen Wandlungs-u. Transformationsprozeß der Menschheit! Arbeiten wir weiter daran!

    Ich wünsche ein schönes Wochenende, ich freue mich auf den gemeinsam Exkurs in Bonn liebe Ursula,
    alles Liebe,
    Maria

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Auf dieser Webseite werden verschiedene Cookies eingesetzt. Der Einsatz von Tracking-Cookies zur Analyse der Nutzung unserer Webseite erfordert deine Zustimmung. Ohne diese Zustimmung können gleichwohl Cookies eingesetzt werden, die für die Funktionalität der Webseite notwendig sind. Weitere Informationen zu Cookies findest du hier.