Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 19. Juli: Gut und Böse – ein Mysterium

Es scheint doch klar zu sein: Diebstahl, Betrug, Verrat, Intrigen und Verschwörungen, Gewalt gegenüber anderen Wesen und Mord sind böse. Das würde jeder sofort unterstreichen, ohne die Gesetze im Einzelnen zu kennen. Unser natürlicher Sinn für Moralität sagt uns, dass das eine Wahrheit ist. Wir mögen bereit sein, den Tätern mildernde Umstände zuzubilligen, je nachdem in welcher Situation sie sich gerade befinden. So halten wir einen Diebstahl von dringend für das eigene Überleben benötigten Nahrungsmitteln für weniger verwerflich als den professionell organisierten Raub von Wertgegenständen, bei dem auch vor etwaigen Gewalttaten nicht zurückgeschreckt wird.

Doch nicht immer liegen die Dinge so klar auf der Hand.

Wie und wodurch kann ein Mensch in eine solch verbrecherische Laufbahn hineingelangen? Welchen Anteil daran hat möglicherweise auch die Gesellschaft, also wir alle, dass der Betreffende sich so entwickelt hat. Welchen Anteil haben auch frühere Inkarnationen und vorgeburtliche Übereinkünfte zwischen heutigen Opfern und Tätern? All das ist aus der bloßen Kenntnis der Geschehnisse sicher nur unzureichend zu beantworten und soll hier auch gar nicht versucht werden.

Es ist eine andere Frage, die mich in diesem Zusammenhang umtreibt: manchmal können wir das Phänomen beobachten, dass jemand in bester Absicht handelt, um etwas Gutes zu bewirken und erreicht damit doch das Gegenteil. Dies gilt umgekehrt in gleicher Weise, jemand versucht einem anderen zu schaden, doch die Dinge entwickeln sich letztlich zu dessen Gunsten. Da wirkt dann offensichtlich ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.

Ich denke da zum Beispiel an die tragische Figur des Judas, einem der zwölf Jünger Jesu. Es steht geschrieben, dass er Jesus Christus für ein paar Silberlinge verraten hat, so dass dieser von den Soldaten ergriffen, verurteilt und schließlich gekreuzigt wurde, aus unserem Verständnis heraus eine zutiefst verurteilungswürdige Tat, noch dazu aus niederen Beweggründen heraus. Der Schreiber des Markusevangeliums lässt Jesus Christus während des Abendmahls die Worte sprechen: Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird. Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre. Welch eine Rolle hat Judas da übernommen?! Er  war der Verräter, der dem schnöden Mammon zuliebe den Christus, dessen Freund und Diener er doch als Jünger hätte sein müssen, verraten und den Schergen ausgeliefert. Und doch, hätte er es nicht getan, hätte das Geschehen nicht seinen Lauf nehmen und Christus seine Opfertat nicht vollbringen können. Aus christlicher Sicht war dieses Leiden aber unbedingt notwendig, um einen entscheidenden Wandel in der Menschheitsentwicklung möglich zu machen. In gewisser Weise hat sich also auch Judas geopfert, als der ewige Böse zur Verfügung gestellt, um den Weg für den Fortgang des Weltenplans zu ebnen. Und mal ganz nebenbei: wie oft verrät ein jeder von uns den Christus in sich für einen vermeintlich Vorteil in der äußeren Welt? Deshalb denke ich, dass es uns nicht zusteht, den Judas einseitig zu verurteilen.

Und nun ein Beispiel für den umgekehrten Fall: Die mittelalterliche Mystikerin Margarete Porete (1250/60 bis 1310) hatte ein Buch mit dem Titel Der Spiegel der einfachen Seelen geschrieben, in dem sie für die damalige Zeit sehr ungewöhnliche, freiheitliche Gedanken äußerte. Ihrer Auffassung nach müsse die Seele sich immer mehr von „Tugenden“ befreien. Heute würde man vielleicht sagen von gesellschaftlichen Zwängen und Konditionierungen. Ganz modern war ihre Idee, dass die Seele in Freiheit aus sich selbst erkenne, was gut und moralisch sei,  quasi ohne äußere irdische Autorität. Bald erregte die Schrift die Aufmerksamkeit der Würdenträger der offiziellen Kirche und Margaretes Bücher wurden öffentlich verbrannt. Sie bekam Gelegenheit, ihre Aussagen zu revidieren, doch sie stand dazu, verbreitete ihr Buch weiter und erschien nicht zu den Vorladungen der Inquisition. Ihre Meinung, die sie auch im Buch vertreten hatte, war: „Eine freie Seele sei nicht anzutreffen, wenn man sie vorlade; ihre Feinde erhalten keinerlei Antwort von ihr.  In Folge wurde sie erwartungsgemäß der Häresie für schuldig befunden und 1310 auf der Place de Grève in Paris öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Die meisten würden Margaretes Verhalten sicher als aufrecht und mutig bezeichnen und sie sowohl für ihre Dichtung als auch für ihre Wahrhaftigkeit bewundern. Und das sicher zu Recht! Doch was hatte ihr Verhalten zur Folge? Es scheint sehr wahrscheinlich, dass ihr spektakulärer Fall dazu beigetragen hat, dass der Klerus auf dem Konzil von Vienne (1311-1312) härtere Regeln beschloss, sprich die Daumenschrauben der Inquisition weiter anzog. So wurde den organisierten Beginen, einer Bewegung von Frauen, die sich außerhalb des traditionellen Familien- und Klosterlebens betätigten fortan verboten, theologisch zu wirken. Das bis dahin durchaus übliche Umherziehen einzelner Beginen wurde vollständig verboten. Die Gemeinschaft der Brüder und Schwestern des freien Geistes wurde ab sofort verfolgt. Außerdem beschloss das Konzil die Auflösung des Templerordens und die Übertragung seines Vermögens auf den Johanniterorden. All diese Folgen hatte Margarete sicher nicht absehen können und auch sicher nicht gewollt … und doch hat sie diese mit verursacht. Zudem können wir davon ausgehen, dass auch die Verantwortlichen der Inquisition der Auffassung waren, sie handelten im Sinne des Guten. Vermutlich fühlten sie sich verpflichtet das zu schützen, was sie für den wahren Glauben hielten.

Auch in der heutigen Zeit lassen sich viele Beispiele für ungewollte Unterstützung von Kräften finden, die dem Guten entgegenwirken. Ich denke da an all die Gutmenschen, die sicher oft in gutem Glauben Ideologien unterstützen, die sich letztlich gegen die Bevölkerung richten. Sie lassen sich im Sinne der manipulierten öffentlichen Meinung missbrauchen, ohne davon überhaupt etwas zu bemerken, ein ebenfalls tragischer Vorgang.

Diese Beispiele zeigen, dass im Bösen offensichtlich auch ein Keim des Guten zu finden ist und umgekehrt. Demnach ist also nichts absolut böse oder absolut gut. Es kann immer das jeweilige Gegenteil daraus erwachsen. Außerdem kann das, was früher sinnvoll und angebracht erschien, heute von großem Nachteil sein. Die Dinge verändern sich eben im Laufe der Zeit. Die angedeutete Relativität von Gut und Böse ist eine schwierige Lektion, mit der wir immer wieder konfrontiert werden und mit der wir lernen müssen, umzugehen.

Wenn wir anerkennen, dass es auf der höchsten geistigen Ebene allein die dreifaltige Gottheit gibt, so ist die logische Konsequenz, dass das durch die Widersacherkräfte repräsentierte Böse Teil der Schöpfung Gottes ist und in unserer Welt eine bedeutsame Aufgabe erfüllt. Eine im dritten Jahrhundert nach Christus entstandene Religion, die von dem Perser Mani oder Manes unter Einbeziehung buddhistischer, zoreastischer und christlicher Elemente gegründet wurde, setzte sich in besonderer Weise mit der Thematik von Gut und Böse auseinander.

Der christliche Okkultismus geht zu einem bedeutenden Teil auf die Manichäer zurück, deren Überlieferung lebendig geblieben ist. Ihr Begründer Manes hat drei Jahrhunderte nach Christus gelebt. Auch Augustinus, der Kirchenvater, hatte ursprünglich der Gemeinschaft der Manichäer angehört. Ein Kernpunkt der manichäischen Lehre ist der Satz vom Guten und vom Bösen. Für die landläufige Anschauung bilden das Gute und das Böse zwei absolute, miteinander unvereinbare Gegensätze, von denen das eine das andere ausschließt. Dagegen ist das Böse nach der Ansicht der Manichäer ein integrierender Bestandteil des Kosmos, es arbeitet an dessen Evolution mit und muß zuletzt durch das Gute absorbiert, verwandelt werden. Den Sinn von Gut und Böse, von Lust und Schmerz in der Welt zu studieren, ist die große, einzigartige Mission der Manichäer. (Rudolf Steiner, GA 94)

Die Manichäer glaub(t)en, dass sich nach einer Zeit der Vermischung von Gut und Böse eine strikte Trennung zwischen beidem vollziehen werde,  aus der zukünftig rein gute und rein böse Menschen hervorgehen würden. Die Manichäer und ihre Nachfolger haben es sich zur Aufgabe gemacht, das von letzterer Menschenrasse der Zukunft ausgehende Böse in Gutes zu transformieren. Was für eine Mission!

Im Hinblick auf diese Entwickelung der Menschheit (zu einer separaten bösen Menschenrasse) sind nämlich schon vor Jahrhunderten Geheimorden gegründet worden, die sich die denkbar höchsten Aufgaben gestellt haben. Ein solcher Orden ist der Manichäerorden. Die Mitglieder dieses Ordens werden in ganz besonderer Weise für ihre große Aufgabe erzogen. Dieser Orden weiß, daß es Menschen geben wird, die im Karma kein Böses mehr haben werden, und daß es auch eine von Natur aus böse Rasse geben wird, bei der alles Böse noch in höherem Grade vorhanden sein wird als bei den wildesten Tieren, denn sie werden Böses tun bewußt, raffiniert, mit einem hoch ausgebildeten Verstande. Der Manichäerorden belehrt nun jetzt schon seine Mitglieder in solcher Weise, daß sie Umwandler des Bösen werden in späteren Geschlechtern. Das ungeheuer Schwierige dieser Aufgabe liegt darin, daß in jenen bösen Menschenrassen nicht etwa wie bei einem bösen Kinde neben dem Bösen noch Gutes ist, das sich durch Beispiel und Lehre höher entwickeln läßt. Jene von Natur aus ganz Bösen radikal umzugestalten, das lernt das Mitglied des Manichäerordens heute schon. Und dieses dann umgeschmolzene Böse wird nach gelungener Arbeit ein ganz besonders Gutes. Ein Zustand der Heiligkeit wird der sittliche Zustand auf Erden sein, und die Kraft der Umwandlung wird den Zustand der Heiligkeit bewirken. (Rudolf Steiner, GA 95)

Erkennen wir vielleicht schon heute erste Anzeichen der angekündigten Trennung zwischen gut und Böse? Auf jeden Fall dürfen wir gespannt sein, was uns die weitere Evolution der Menschheit noch so alles bringen wird 😉

2 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 19. Juli: Gut und Böse – ein Mysterium

  1. Es ist ein sehr schwieriges Thema, bei dem wir immer wieder auf vermeintliche Widersprüche stoßen. Ob wir das nun wollen oder nicht, ich glaube, dass sich die Spreu vom Weizen langsam zu trennen beginnt. Langsam beginnen sich Abgrund auf der einen und höchste Höhenauf der anderen Seite immer deutlicher abzuzeichnen.
    Liebe Grüße 🙂
    Ursula

  2. Hallo liebe Ursula,
    es ist wieder ein treffender Beitrag! Wie du am Ende schriebst, denke ich , es wäre fatal eine Trennung von Gut und Böse zu provozieren. Auch wenn das einigen vielleicht lieber wäre. Aber da wir in einer universellen Dualität leben ist das sehr schwer vorstellbar, denn das eine bedingt ja bekanntlich das andere. Ohne das „vermeintlich Böse“ würden viel weniger Menschen erwachen und gäbe es nur Gutes, dann wären wir im Himmel und hätten keine Aufgaben zu bewältigen auf Erden. Treffend ist hier wieder „Ich bin die Kraft die stets das Böse will……! Dennoch geht es auch umgekehrt. Aus diesem Grund geht das eine nicht ohne das andere! Es gehört zum Erwachungsprozess und alles ist so wie es sein soll!

    Alles Liebe,
    Maria 😉

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