Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 5. Juli: Bewegtes Mittelalter

Auf der Suche nach meinem Karma und meiner Identität in früheren Inkarnationen bekomme ich seit Jahren immer mal wieder einen Hinweis. Mit der Zeit hat sich die eine oder andere Fährte offenbart und es haben sich schon einige Puzzleteilchen eingefunden. Vor allem aber bin ich auf Zusammenhänge gestoßen, die auch über mein persönliches Schicksal hinaus ausgesprochen spannend sind.

Schon seit einigen Jahren faszinieren mich in diesem Zusammenhang die gotischen Kathedralen in Frankreich und in erster Linie diejenige von Chartres, die ich schon zweimal auf jeweils mehrtägigen Reisen besuchen durfte. Ihre Maße sind exakt denjenigen des Tempels des Salomon nachempfunden, jenes denkwürdigen Bauwerks des großen Baumeisters Hiram. Ein tiefes Mysterium ist mit der Tempellegende verbunden, das auch Rudolf Steiner immer wieder und vor allem in seinem Vortragszyklus, den er 1904 in Berlin hielt (veröffentlicht in GA 93), aufgegriffen hat. In ihrer heutigen Form wurde die Kathedrale in nur 66 Jahren von 1194 bis 1260 auf den Grundmauern diverser sakraler Vorgängerbauten bis hin zu vorchristlichen druidischen Heiligtümern erbaut. Wie die kürzlich durch den spektakulären Brand ihres Dachstuhls ins Zentrum der öffentlichen Aufmerksamkeit geratene Notre-Dame von Paris gehört sie zu den großen Marienkathedralen Frankreichs. Die Jungfrau Maria, immer wieder auch als Sophia=die Weisheit bezeichnet, steht für den reinen jungfräulichen Astralleib, den zum Geistselbst (Manas) gewandelten Astralleib des nach Erkenntnis strebenden Menschen. An der Westfassade der Kathedrale finden wir vor allem die Darstellung der Menschwerdung Christi, jedoch auch eine kleine Aristotelesfigur, Anspielung auf die sieben Künste, die artes liberales (Grammatik, Rhetorik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Musik, Astronomie), die an der Schule von Chartres bereits seit Beginn des zweiten Jahrtausends gelehrt wurden.

In der Schule von Chartres versammelten sich für etwa 200 Jahre die maßgeblichen Gelehrten der damaligen Zeit: Fulbertus von Chartres, Johannes von Selisbury und Alanus ab Insulis, um nur einige wenige zu erwähnen. Inhaltlich fußte diese geistige Strömung auf den antiken Mysterienschulen und der Philosophie Platons. In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts ging diese Geistesströmung mehr und mehr in die eher Vernunft betonte Lehre des Aristoteles über, die sich in der vorwiegend von den Dominikanern getragenen Scholastik ausdrückte. In welcher Weise die noch nicht wiedergeborenen Aristoteliker aus der geistigen Welt mit den bereits verkörperten Anhängern des Platon auf der Erde zusammenwirkten, beschreibt Rudolf Steiner auf eindrucksvolle Weise in seinem Vortragszyklus über die Esoterischen Betrachtungen karmischer Zusammenhänge, Band 6 (GA 240). Darin legt er auch dar, in wie weit das physische Zusammenwirken dieser geistigen Strömungen für das 20. Jahrhundert von außerordentlicher Bedeutung ist bzw. war:

Und nach dieser Abmachung muß aus dem, was anthroposophische Bewegung ist, etwas hervorgehen, was seine Vollendung vor dem Ablaufe dieses Jahrhunderts finden muß. Denn über der Anthroposophischen Gesellschaft schwebt ein Schicksal: das Schicksal, daß viele von denjenigen, die heute in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, bis zu dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts wieder herunterkommen müssen auf die Erde, dann aber vereinigt mit jenen auch, die entweder selbst führend waren in der Schule von Chartres oder die Schüler von Chartres waren. So daß vor dem Ablaufe des 20. Jahrhunderts, wenn die Zivilisation nicht in die völlige Dekadenz kommen soll, auf der Erde die Platoniker von Chartres und die späteren Aristoteliker zusammenwirken müssen. (Rudolf Steiner, GA 240)

Im Zuge meiner Recherche bin ich noch auf weitere interessante philosophisch-religiöse Strömungen und Einzelpersönlichkeiten des Mittelalters gestoßen. Es ist verblüffend, was diese oft als dunkles Mittelalter bezeichnete Zeitepoche so alles an Ideenreichtum hervorgebracht hat. Vieles davon spielte sich am Rande oder gar außerhalb der offiziellen Kirchenlehre ab, die bekanntermaßen strengstens über die Einhaltung ihrer Dogmen wachte. So beschuldigte die Inquisition etliche der damaligen Freigeister der Häresie und in Folge wurden nicht wenige unter den Augen der Öffentlichkeit auf Scheiterhaufen verbrannt.

In die Gefahr ein solches Schicksal zu erleiden kamen z. B. Die Brüder und Schwestern des freien Geistes, bei denen es sich wohl weniger um eine geschlossene Bewegung handelte. Gemeinsam war ihnen, dass sie sich nicht an von Menschen gemachte Gesetze gebunden fühlten, was ihnen vielfach den Ruf eines unmoralischen Lebenswandels einbrachte. Doch ging es ihnen eher darum, die Moralität im inneren, aus ihrer eigenen Freiheit heraus zu entwickeln, was automatisch und ohne gesetzliche Vorschriften ein rechtschaffenes Verhalten hervorrufen würde. Diese Auffassung vertrat auch die nordfranzösische Mystikerin Margarete Porete (1250/60-1310). Mit ihrem Buch Der Spiegel der einfachen Seelen. Mystik der Freiheit wirbelte die außergewöhnlich gebildete Begine reichlich Staub auf. Es wurde verboten und bereits um die Jahrhundertwende öffentlich verbrannt. Doch Margarete ließ sich nicht mundtot machen, veröffentlichte ihr Werk anonym weiter und erschien auch nicht zu den Vorladungen der Kirchenoberen. So folgte sie ihrem unerwünschten Werk am 1. Juni 1310 auf den Scheiterhaufen, wo sie auf einem öffentlichen Platz in Paris verbrannt wurde.

Dieses Schicksal blieb der sächsischen Mystikerin Mechthild von Magdeburg erspart, obgleich auch sie zeitweise in Gefahr geriet. Auch sie gehörte der Beginen-Bewegung an, in der Frauen außerhalb von der damals für sie vorgesehenen Familienrolle und auch außerhalb des Klosterlebens eine alternative Lebensform anstrebten. Teilweise hatten sie sich frei und ohne kirchliches Gelübde der Armut verschrieben und zogen über Land. Das zahlenmäßig geringere männliche Pendant der Beginen nannte sich Begarden. Margaretes siebenbändiges Werk Das fließende Licht der Gottheit ist voll von Zwiegesprächen der beiden „Liebespartner“ Seele und der dreifaltigen Gottheit. Mystikerinnen und Mystiker strebten nach unmittelbaren Gotteserfahrungen, ohne dass es einer Vermittlung durch Priester oder sonstigen kirchlichen Personals bedurft hätte, was der Kirche naturgemäß missfiel. Beide Frauen, Margarete und Mechthild, werden wegen ihrer lyrischen Dichtungen auch als Minnesängerinnen oder Troubadouras bezeichnet. Die Troubadour-Tradition war vor allem in Südfrankreich und in Verbindung mit den Katharern verbreitet. Sie sahen Gott als die reine Liebe und wollten das Göttliche von keinem Dogma erfasst wissen. Das brachten sie in ihren lyrischen Minnegesängen vor allem während des 12. Und 13. Jahrhunderts zum Ausdruck.

Über den großen, aus Thüringen stammenden Philosophen und Prediger Meister Eckhard (1260-1327) schrieb Rudolf Steiner:

Wenn Eckhart an das Wort des Paulus erinnert: «Ziehet euch Jesum Christum an», so will er diesem Worte den Sinn unterlegen: versenket euch in euch, tauchet hinunter in die Selbstbeschauung: und aus den Tiefen eures Wesens wird euch der Gott entgegenleuchten; er überstrahlet euch alle Dinge; ihr habt ihn in euch gefunden; ihr seid einig geworden mit Gottes Wesenheit. «Gott ist Mensch geworden, daß ich Gott werde.»“ (Rudolf Steiner, GA 007)

Meister Eckhards Werk wurde in Teilen als Irrlehre bezeichnet. Allerdings starb der berühmte Dominikaner eines natürlichen Todes, ehe er den Schergen der Inquisition übergeben werden konnte. Wie Albertus Magnus lehrte Meister Eckhard u. a. in Paris und Köln.

Viele der spirituellen Menschen machten sich schon lange vor Luthers Bibelübersetzung um die jeweiligen Landessprachen verdient. Die kirchlichen Rituale wurden in der damals schon toten Sprache Latein vollzogen, die das einfache Volk nicht verstand und die auch wenig geeignet war, um Innerlich-Seelisches zum Ausdruck zu bringen. So war Mechthilds Werk in Mittelhochdeutsch, Margaretes Werk in Mittelfranzösisch verfasst und wurde später ins Alemannische bzw. Englische übersetzt. Auch Meister Eckhard leistete einen wichtigen Beitrag zur Bildung einer deutschen Fachsprache für Philosophie.

Albertus Magnus (1193-1280) und sein Schüler Thomas von Aquin (1225-1274) waren wohl die berühmtesten Vertreter  des christlichen Aristotelismus und der Scholastik. Sie lehrten in Paris und Köln und wurden später von der offiziellen Kirche Heiliggesprochen und in den Rang eines Kirchenvaters erhoben.

Es war also einiges los im mittelalterlichen Kultur- und Geistesleben. Einige der damals vertretenen Lehren erscheinen recht modern und gar nicht so weit entfernt von dem, was wir uns heute jenseits der offiziellen Kirchenlehre unter einem freien und liebenden Christenleben vorstellen. Offensichtlich waren diejenigen, die diese Ideen in die Welt gebracht haben, ihrer Zeit voraus, wurden nicht verstanden und/oder nicht geduldet.

Und wie sieht es heute aus? Auch wenn den geistigen Vorreitern unserer Zeit nicht gerade der Scheiterhaufen droht, so werden auch sie oft ignoriert, verhöhnt, diffamiert und  bekämpft. Doch die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit schreitet voran, wenn wir uns auch manchmal ein schnelleres Tempo für diesen Vorgang wünschen würden. So können wir hoffen, dass irgendwann einmal die Zeit kommt, in der sich die letzten drei Worte von Mahatma Gandhis berühmtem Spruch bewahrheiten werden:

Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.

6 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 5. Juli: Bewegtes Mittelalter

  1. Das ist ja interessant, das schaue ich mir später an. Vielleicht hängt das mit dem Bewußtsein der Volksseele Zusammen? Morphogenetische Felder?
    Na dann wird das wohl meine nächste Flasche werden….! Ich lass mich überraschen!
    Grüßle

  2. …. das sehe ich genauso! 😉
    …ja sehr angenehm, besonders hier unterm Dach, puhhhh!

    Einen wunderschönen Sonntag und liebe Grüße 😉

  3. Ich habe gerade ein sehr schönes, kurzes Video von Axel Burkart gefunden, in dem es um das neue Weltbild des „Spiritualismus“ geht: https://www.youtube.com/watch?v=gfnz6pvKvVE
    Auch darin wird Bezug genommen auf das Mittelalter und die Tatsache, dass sich die Menschheit immer weiter entwickelt. Es wird eine Zeit kommen, in der die Existenz der geistigen Welt im Bewusstsein aller Menschen als völlig selbstverständlich verankert sein wird. Ich persönlich glaube, dass es nicht mehr sehr lange dauert, bis es so weit ist. Ich freue mich, dass ich zur Verbreitung dieses Wissens beitragen darf.

  4. … ich benutze gerade die Aura-Soma-Flasche Grün über Violett, die sich Troubadourflasche I nennt. Sie ist geschaffen für Wahrheitssucher und verbindet mit Inkarnationen im Mittelalter 😉

  5. Liebe Ursula,
    …..ja ein durchaus bewegtes Mittelalter und eine durchaus bewegende Neuzeit! Wenn wir es so betrachten, liegt sehr, sehr viel im Umbruch und die Dinge gewinnen immer mehr an Bedeutung. Nun, wie du es so schön beschrieben hast in deinen Zeilen, wundert es mich gar nicht mehr, warum wir beide aufeinander gestoßen sind 😉 ! Und wahrscheinlich werden noch Reinkarnationen folgen. Hoffen wir sehnlichst, dass wir an dem Punkt anknüpfen, wo es enden wird! Dass, würde ich mir sehr wünschen!
    Bis jetzt hat sich schon vieles bewahrheitet und den Weg, mag ich persönlich nicht mehr wechseln, es sei denn, es ist erforderlich und zweckdienlich! Ich empfinde mein Leben als eine große Vorbereitung für noch „Größeres“ , wenn ich das mal so offen sagen darf. Wenn wir tief in uns hineinhorchen und uns dem, was uns ruft hingeben, erfahren wir unseren Seelenplan und alles offenbart sich nach und nach . Immer gerade so, wie weit man dafür bereit ist! Die Anthroposophie lässt uns klar erkennen und ermöglicht ein Verständnis hervorzubringen, wie es unter Umständen nicht möglich IST. Es ist viel Arbeit, jedoch wird man auch belohnt und dieser Lohn ist mehr Wert als irgendetwas materialistisches das man auf Erden erwerben kann.

    Ich wünsche ein wunderbares Wochenende und weiter viel Erfolg beim erforschen und der Erkenntnisgewinnung!

    Alles Liebe
    Maria

    1. Liebe Maria,

      klar haben wir uns nicht zum ersten Mal getroffen 😉 und das Faszinierende ist ja, dass das Zusammenwirken nach unserem sogenannten Tod nicht aufhört. Es setzt sich im Geistigen fort und das selbst dann, wenn einige, die zu einer bestimmten Gemeinschaft gehören auf der Erde weilen und andere in der geistigen Welt, so wie es Steiner über die Platon- und die Aristotelesanhänger geschrieben hat.
      Mir geht es wie dir, ich bin mir auch sehr sicher, dass wir hier auf etwas ganz Besonderes vorbereitet werden. Wir dienen als Vorbereiter für eine Geistesströmung, die sich erst in Zukunft auf die gesamte Menschheit ausdehnen wird.

      ein schönes Wochenende, heute mit angenehm kühlem Lüftchen
      Ursula

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