Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 28. Juni: (Un)erwünschte Individualität

Im Vergleich zu früheren Zeiten genießen wir Freiheiten, die es uns erlauben, unsere Individualität zu entfalten und unser Leben weitgehend nach unseren eigenen Vorstellungen und Wünschen zu gestalten. Zumindest in Mitteleuropa können wir unseren Beruf und unsere Lebensgestaltung frei wählen, so scheint ist. Weder unser Geschlecht noch unsere Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religion, Familie oder Gesellschaftsschicht können uns vorschreiben, ob wir z. B. eine Familie gründen, wie wir unsere Kinder erziehen (wenn wir sie denn gezeugt/geboren haben sollten), welchem Beruf und welchen Freizeitaktivitäten wir nachgehen. Bekanntermaßen trifft das nicht auf alle Menschen weltweit zu und auch nicht auf alle Mitbürger, die ursprünglich aus anderen Kulturen stammen und in diesen teilweise noch stark verhaftet sind. In unterschiedlichem Maße fühlen wir alle uns an das gebunden, was uns durch unsere Konditionierung mit auf den Weg gegeben wurde und in unterschiedlichem Maße fühlen wir in uns das Bedürfnis, einen davon unabhängigen Weg einzuschlagen. Auch heute noch trägt so mancher Zeitgenosse Konflikte mit sich herum, die mit der Beziehung seiner Prägung zu seinen eigenen Bedürfnissen zusammenhängen.

Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen. (Rudolf Steiner, GA 31)

Diese Aussage deckt sich mit unseren Beobachtungen, dass wir unser Leben heute freier gestalten können, als in früheren Zeiten, in denen die Vorgaben von Gesellschaft, Stamm, Sippe und Familie Priorität genossen. Die Anerkennung unserer Individualität ist also eine Errungenschaft der Menschheitsevolution, Ausdruck eines höher stehenden Bewusstseins.

Vor diesem Hintergrund ist es interessant, einmal zu beleuchten, wo und von wem unser Streben nach individueller Entfaltung gefördert und wo es vielleicht eher unterdrückt wird.

Beginnen wir unsere Betrachtungen mit dem Eintritt in dieses Erdenleben, mit unserer physischen Geburt. Geburt und Tod sind die beiden Tore des Lebens, Geborenwerden und Sterben gehören wohl zu den tief greifendsten Erlebnissen unseres Menschseins. Das gilt sowohl für die Betroffenen selbst als auch für deren Angehörige, im Falle der Geburt in erster Linie die Mutter. Nicht nur für sie ist die Geburt eine anstrengende und schmerzhafte Angelegenheit, auch der neue Erdenbürger erfährt durch den Geburtsvorgang eine gravierende Wandlung. Von allen Seiten gequetscht, gedrückt und gezogen muss er sich damit abfinden, dass die Zeit der Geborgenheit im mütterlichen Körper zu Ende geht. Mit der Durchtrennung der Nabelschnur wird die erste Stufe zur Unabhängigkeit von einem anderen Wesen eingeläutet, ab sofort haben Atmung und Nahrungsaufnahme selbständig zu funktionieren. Wie wünschenswert wäre es doch, wenn dieser große Moment unseres Lebens sich in liebevoller Atmosphäre vollzöge, wenn wir in vollem Bewusstsein der Einzigartigkeit und Heiligkeit dieses Vorgangs durch unsere Eltern und vielleicht eine Hebamme willkommen geheißen würden. Stattdessen erleben wir dieses Ereignis meist im seelenlosen Kreissaal eines Krankenhauses, umgeben von medizinischem Equipment und eiliger Geschäftigkeit. Etwa ein Drittel der in dieser Umgebung geborenen Kinder kommen zudem per Kaiserschnitt zur Welt, eine Prozedur, die eher einer medizinischen Operation als der Neugeburt eines Wesens gleicht und Mutter und Kind um das Erfahren der so wichtigen Übergangsphase bringt. Natürlich ist es ein Segen, dass ein solcher Eingriff im Falle von Problemen möglich ist, doch sollten wir inzwischen ein Drittel Problemgeburten haben? Unwahrscheinlich! Könnte es sein, dass der ein oder andere Kaiserschnitt vielleicht nur den mechanistischen Abläufen im Krankenhaus geschuldet ist oder dass das medizinische Personal auf diese Weise eine wasserdichte Absicherung für evtl. auftretende Komplikationen erhält? Das wäre in der Tat ein erster schwerwiegender Eingriff in unsere Individualität, eine Opferung von Bedürfnissen der Betroffenen zugunsten strukturierter Krankenhausroutine.

Immer öfter führt der weitere Lebensweg unsere Jüngsten schon im Laufe des ersten Lebensjahres in staatliche Obhut, denn ein Platz in der Kinderkrippe steht heute für etwa ein Drittel der unter Dreijährigen zur Verfügung, Tendenz steigend. Man kann unterschiedlicher Auffassung darüber sein, wie sinnvoll eine so frühe Trennung von den Eltern und die Eingliederung in eine Gruppe Gleichaltriger sind. Tatsache ist, dass auf individuelle Bedürfnisse Einzelner hier nur bedingt Rücksicht genommen werden kann. Erzieherinnen haben alle Hände voll zu tun, um ihren Versorgungsaufgaben gerecht zu werden, da bleibt sicher wenig Spielraum für Extrawünsche. Spätestens nach dem dritten Geburtstag steht für fast jeden die Eingliederung in die Kindergartengruppe an. Aus dem letzten Satz von Artikel 6, Absatz 2 des deutschen Grundgesetzes meinen einige die immer wieder geforderte und in Österreich und Teilen der Schweiz bereits verwirklichte Kindergartenpflicht ableiten zu können:

Pflege und Erziehung der Kinder sind das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.

Es ist kein Geheimnis, dass gerade in totalitären Systemen wie der ehemaligen DDR Krippen und Ganztagskindergärten der Regelfall waren bzw. sind. Hier hat der Staat ein besonderes Interesse an der frühzeitigen Rundumkontrolle über seinen Nachwuchs. Individuelle Wertevermittlung durch die Eltern und Familien sind eher unerwünscht, denn da besteht ein gewisses Risiko, dass die Erziehung in eine andere Richtung gelenkt wird als von der Obrigkeit erwünscht. Auch in unserer sogenannten Demokratie sollten wir wachsam im Auge behalten, ob sich hinter wohlklingenden Erziehungszielen wie Geschlechtsneutrale Erziehung, Frühkindliche Bildung, Interkulturelle Erziehung und Förderung von Toleranz nicht ganz etwas anderes verbirgt als wir vermuten würden.

Anders als in Österreich und in der Schweiz, wo lediglich Bildungspflicht besteht, ereilt die in Deutschland lebenden Kinder mit sechs Jahren die Schulpflicht. Allzu individuelle Verhaltensweisen sind in unseren staatlichen Regelschulen eindeutig unerwünscht. Entpuppt sich ein Kind beispielsweise als besonders lebhaft, läuft es schnell Gefahr, die Diagnose ADHS (Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung) verpasst zu bekommen. In diesem Fall werden den Eltern multimodale Therapieansätze empfohlen, um den kleinen Störenfried zur Raison zu bringen, die Verabreichung von Ritalin gleich inbegriffen. Die Bildungsinhalte in den weiterführenden Schulen befinden sich bekanntermaßen nicht immer auf dem neuesten Stand. Doch damit nicht genug, sie unterliegen auch der globalen Aufsicht des von der UNO ausgegebenen Welt-Kernlehrplans, dem sogenannten World Core Curriculum for Education, der das Bewusstsein unserer Kinder eher in vorgeprägte Bahnen lenken soll als sie zu geistig unabhängigen Menschen zu erziehen. Bertrand Russel, ein britischer Philosoph, Mathematiker und Logiker sowie Literaturnobelpreisträger von 1950 brachte das Ziel unserer „Bildung“ bereits 1922 auf den Punkt:

Es ist nicht erwünscht, dass der normale Bürger selbständig denkt, weil man der Auffassung ist, dass Leute, die selbständig denken, schwer zu handhaben sind. […] Nur die Eliten sollen denken. Der Rest soll gehorchen oder den Führern folgen wie eine Hammelherde. Die Doktrin hat, auch in Demokratien, alle staatlichen Erziehungssysteme von Grund auf verdorben.

Begleitend zum Unterrichtsstoff wird die gewünschte Prägung durch Medien, Werbung und öffentliche Meinung gefestigt, so dass zum Ende unserer Schulzeit in der Regel ein gutes Fundament für einen systemkonformen Untertanen gelegt wurde. Das Hamsterrad unseres späteren Berufslebens und das Eingebundensein in gesellschaftliche Strukturen vernebeln uns noch zusätzlich den Blick für das, was unserer Individualität, unserem wahren, über unsere Persönlichkeit hinaus wirkenden Wesen entsprechen würde.

Oft bedarf es in späteren Jahren eines gravierenden Ereignisses, vielleicht sogar einer schweren Krankheit oder eines anderen Schicksalsschlags, um uns aus den erlernten Verhaltens- und Meinungsmustern zu befreien. Doch, Gott sei Dank, können wir nicht nur durch Leiden sondern auch durch Bewusstsein zur Erkenntnis gelangen. Ganz ohne Anstrengung funktioniert das freilich nicht. Doch diese Anstrengung lohnt sich, denn was könnte beglückender sein, als jenseits aller Verwirrungen der Welt, den Weg zu uns selbst zu finden?

2 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 28. Juni: (Un)erwünschte Individualität

  1. Liebe Maria,

    dann hoffen wir mal, dass die friedliche Revolution so richtig anrollt! Wir bleiben auf jeden Fall unverbesserliche Optimisten und tragen dazu bei, was wir können 🙂

    Ich wünsche ebenfalls schönen und etwas kühleren Wochenstart
    Ursula

  2. Liebe Ursula,
    den Mechanismus den du im letzten Abschnitt beschreibst, von der Geburt an, umschreibt genau den Weg, der staatlichen Kontrolle! Hier wird unsere Individualität schon im gröbsten Stile geprägt, missachtet und kontrolliert. Alles unterläuft dem staatlichen Kontrollmechanismus, den unser System für uns und in erster Linie für sich selbst vorgesehen hat. „Systemkonform“ ist hier die Devise! Alles was andersartig denkt, fühlt und handelt unterliegt hier dem systemischen Untergang. Natürlich kann ein Kleinkind oder Säugling noch nicht für sich entscheiden, jedoch wird die Vielfalt von Angeboten, die sich hier bieten lassen würden um einem Kind die freie Entfaltung zu ermöglichen, auf dem untersten Niveau gehalten! Hierzu kommt unsere „labile“ und völlig „unsoziale“ Schulbildung hinzu, die durch veraltete, hinterwäldlerische Strukturen ihr übriges dazu tut. Da dieses schon über Jahrzehnte und Jahrhunderte ein prägendes Bild in uns hervorgerufen hat, ist es nicht erstaunlich, dass es vielen Menschen unserer heutigen Gesellschaft schwerfällt und auch vielleicht für ein Ding der Unmöglichkeit halten, neue Denkweisen anzunehmen um ihre Individualität neu zu entdecken und sich damit freien Geistes aus der staatlichen Bevormundung und grotesker Erziehung unserer Kinder, zu entziehen. Erst wenn generationenübergreifend ein anderes Denken, Fühlen und Handeln stattfindet, kann der Weg für unsere Zukunft und die Zukunft unserer Kinder, Enkelkinder und Urenkel neue Gestalt annehmen! Die Wandlung hat schon begonnen, wenn auch noch nicht viele Menschen den Sinn erkannt haben und vieles als Verschwörungen abtun, so sind doch schon eine erhebliche Menge in allen Ländern unterwegs um diesen Weg zu ebnen. Wir sind am Anfang einer noch leisen, immer lauter werdenden friedlichen Revolution, das sollte uns allen bewusst werden und ein jeder sollte seinen Teil dazu steuern.

    Ich wünsche einen sonnigen Wochenstart,
    mit lieben Grüßen
    Maria

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