Es gibt zwei Wege das Leben zu leben: Alles selbstverständlich zu nehmen, oder die ganze Welt als Wunder zu betrachten.
Ich glaube an Letzteres.

 

– Albert Einstein

„Unsere Gedanken bestimmen, wie wir die Welt erleben“

– Buddha

„Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“

– Rudolf Steiner

„So etwas wie Dunkelheit gibt es nicht.
Es gibt nur die Abwesenheit von Licht“

– Vicky Wall

Freitags-Gedanken am 22. Februar: Wachstumsschmerzen

Siegel zum zweiten von vier Mysteriendramen Steiners Die Prüfung der Seelen

Wie gut kann ich mich noch daran erinnern, dass ich als Kind häufig ein heftiges Ziehen in den Gelenken, Bändern und Sehnen, insbesondere an Kniekehlen und Ellenbeugen verspürte. Meine Mutter versicherte mir, das seien ganz normale Wachstumsschmerzen, also kein Grund zur Beunruhigung. Und so war es offensichtlich auch, denn nach einer solchen Schmerzphase hatte ich meist einen sichtbaren Schub getan und ein paar Zentimeterchen an Länge zugelegt. Der Weg, bis wir endlich erwachsen sind, ist eben auch manchmal schmerzhaft.

Natürlich wächst nicht nur unser physischer Körper, sondern auch unser Innenleben, unsere Seele. Im Laufe unseres Lebens entwickelt sie sich immer weiter und wächst dabei mit zunehmendem Alter immer mehr weg vom Körperlichen und ins Geistige hinein.

Aber was bedeutet Seele eigentlich genau?

Obwohl wir diesen Begriff doch so häufig benutzen, sind unsere Vorstellungen über die Seele durchaus uneinheitlich und häufig eher diffus. Unsere Seele ist als mittleres Wesensglied eingebettet zwischen Körper und Geist. Sie ist der Raum für unsere ganz persönlichen Empfindungen, Triebe, Begierden, Wünsche und Gefühle. Träger der Seele ist unser Astralkörper, eine Substanz, die Kraft und Stoff zugleich ist und dennoch über die normalen Sinne nicht wahrnehmbar ist. Hellsichtige können jedoch Form und Farben des über den physischen und ätherischen Körper hinausragenden Astralkörpers wahrnehmen. Laut Dr. Rudolf Steiner, dem Begründer der spirituellen Wissenschaft, besteht unsere Seele aus drei Wesensgliedern: der Empfindungsseele, der Verstandes- und/oder Gemütsseele und der Bewusstseinsseele.

Unsere persönliche Entwicklung während unseres Erdenlebens vollzieht sich in Sieben-Jahres-Schritten. Die 3 x 7 Jahre, in denen sich die im Keim bereits in uns angelegten Seelenglieder vollständig entfalten, erleben wir zwischen dem 21. und dem 42. Lebensjahr. Das heißt natürlich nicht, dass wir als Kinder und Jugendliche keine Seele hätten, sondern nur, dass der Schwerpunkt unserer Entwicklung zuvor auf dem Körperlichen lag. Mit sieben Jahren steht der Zahnwechsel an, mit 14 die Erlangung der Geschlechtsreife und alle die mit diesen wesentlichen Entwicklungsschritten verbundenen inneren und äußeren Prozesse. Damit ist unser Organismus schon ganz schön gefordert!

Wie der einzelne Mensch, so erlebt auch die Menschheit als Ganzes einen kollektiven Entwicklungs- und Reifungsprozess. Heute befinden wir uns in einer Zeit eines entscheidenden Übergangs, des Heraustretens aus der Verstandes- und Gemütsseele und Hineintretens in die Bewusstseinsseele. Bezogen auf unser persönliches Leben entspräche dieser Übergang einem jungen Erwachsenen im 28. Lebensjahr.

Nun vollzieht sich ein Übergang selten plötzlich. In der Regel wird er von langer Hand vorbereitet, zunächst gibt es einige wenige, die einen ersten Blick in eine neue Zeitqualität riskieren, diesen folgen dann immer mehr Menschen und ihre Einblicke werden tiefer, es ereignen sich Rückschritte, vielleicht sogar Rückschläge, bis schließlich das Neue überwiegt und sich letztlich flächendeckend ausbreiten kann. Und natürlich steht auch jedes Individuum, jeder einzelne von uns an seinem ganz bestimmten Platz innerhalb dieses globalen Geschehens.

Das Zeitalter der Verstandes- und Gemütsseele begann im Jahr 747 vor Christus und endete 1413 mit dem Beginn der Neuzeit. Diese Epoche deckt sich mit dem Widderzeitalter, der griechisch-römischen Kulturepoche und ihren Aus- und Nachwirkungen. Zunächst bis etwa 600 nach Christus sprechen wir von der Antike, danach folgt das sogenannte Mittelalter. Das Aufblühen der Verstandesseele bedeutete gegenüber früheren Zeitaltern einen gravierenden Fortschritt. Zuvor, im Stier-Zeitalter der Empfindungsseele war das menschliche Dasein vorwiegend durch seine Bedürfnisse, Triebe und Begierden geprägt gewesen. Zwar war das Zusammenleben damals streng geregelt, damit sich funktionsfähige Gemeinschaften bilden konnten und nicht das Faustrecht überwog. Doch geschah dies noch sehr stark unter der Führung „der Götter“ bzw. geistiger Wesen. Der Mensch lebte in festen Strukturen von Familie, Sippe oder Volk und erlebte sich viel mehr als Teil dieser Gemeinschaften als als einzelnes oder gar freies Individuum. Rudolf Steiner beschreibt diesen Entwicklungsschritt hin zum mittleren Seelenglied des Menschen in einem seiner Werke so:

Was wir Verstandes- oder Gemütsseele nennen, arbeitet sich erst heraus aus der Empfindungsseele, ist schon in gewisser Beziehung etwas Abgeklärteres als die Empfindungsseele. In der Verstandesseele sitzen schon die Fähigkeiten, dasjenige in Vorstellungen zu kleiden, was in der Empfindungsseele empfunden ist, dasjenige, was als Instinkte, als Affekte erlebt wird, zu einer menschlicheren Form des Seelenlebens abzuklären. Wenn zum Beispiel Affekte, die sonst nur auf Selbsterhaltung gehen, abgeklärt werden zum Wohlwollen, ja sogar zum liebevollen Verhalten zur Umwelt, haben wir es schon zu tun mit der Verstandes- oder Gemütsseele. In der Verstandesseele geht uns das Ich auf, der eigentliche Mittelpunkt unseres Seelenlebens. 

In dieser griechisch-römischen Epoche traten bereits große Denker auf wie Aristotheles, der Begründer der Logik und Euklid, der Begründer der Mathematik. Erst durch sie wurden die modernen Naturwissenschaften, wie wir sie heute kennen, möglich. Allenthalben begann das Denken die Empfindungsseele der Menschen zu durchdringen und ihr zu dienen. Gemäß dieser Entwicklungsstufe der Menschheit wurde und wird bis heute ein Großteil der Denkfähigkeit letztlich zur Befriedigung von Bedürfnissen der Empfindungsseele aufgebracht. Dazu gehören Erfindungen wie Telefon, Eisenbahn, Auto oder Smartphone, ohne Zweifel nützliche Gegenstände, die uns dienlich sein können, aber auch die Gefahr in sich bergen, dass wir unsere Aufmerksamkeit zu sehr daran  binden.

Seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts treten wir mehr und mehr aus den subjektiv empfundenen Bedürfnissen heraus. Wir setzen unsere Denkfähigkeit weniger für eigennützige Zwecke ein als für Objektives, für Ziele, die von universellem Wert sind. Das Streben nach objektiver Wahrheit, die nicht unbedingt einem bestimmtem Zweck dient und nicht nur zeitlich begrenzt gültig ist, sondern ihren Wert in sich selbst hat, tritt in die Welt. Zumindest ist das die große Aufgabe, der wir in diesem Zeitalter gegenüber stehen. Doch noch tun wir uns schwer damit. Mehr denn je wird die Welt durch Lüge und Irrtum dominiert und die Wahrheit hat einen schweren Stand. Gerade darin liegt die Herausforderung! Unmissverständlich werden wir aufgefordert, dieses Streben nach Wahrheit immer mehr zu verstärken. Es wird immer schwieriger und schließlich unmöglich, dass wir uns nur auf unsere eigenen Bedürfnisse beschränken. In Zeiten, in denen die Menschheit mehr und mehr zusammenwächst, kommt es darauf an, das Verbindende, das Gemeinsame zu betonen. Und doch werden wir gleichzeitig immer individueller, treten als einzigartige Individuen aus der Masse heraus, ein jeder auf seine Weise. Es gibt keinen anderen unserer Art – im wahrsten Sinne des Wortes ist jeder von uns einzigartig.

Nun gilt es, diese beiden Entwicklungsstränge unter einen Hut zu bringen – welch eine Aufgabe! Dagegen nehmen sich die Wachstumsschmerzen unserer Jugend geradezu harmlos aus. Zurzeit erleben wir eine Vielfalt von Meinungen und das teilweise hasserfüllte Bekämpfen Anders-Denkender. Es ertönt die Forderung nach Toleranz gegenüber Flüchtlingen, Andersgläubigen, Homo- und Transsexuellen und sonstigen Bevölkerungsgruppen bei gleichzeitig extremer Intoleranz gegenüber denen, die lieber engere Grenzen setzen möchten. Man könnte sagen: Jeder wettert gegen jeden und alle kämpfen gegen alle. All dieser Hickhack erwächst aus persönlichen Sympathien und Antipathien, aus der Angst heraus, etwas zu verlieren oder der Unfähigkeit zu erkennen, was zumutbar und angemessen ist. Angesichts solcher Auseinandersetzungen verlieren wir das Streben nach universeller Wahrheit nur allzu leicht  aus den Augen. Wir laufen Gefahr, uns in einem der Entweder-Oder-Pole zu verbeißen. Dabei gäbe es doch gewiss auch die Möglichkeit eines Sowohl-Als-Auch, einer angemessenen Lösung im Sinne aller Beteiligten?!

Aber so ist es eben, wenn man in eine neue Zeitqualität hineintritt! Offensichtlich geht es nicht ohne Reibung, ohne Ziehen und Drücken an allen Ecken und Enden, kurz ohne Wachstumsschmerzen! Es gibt sie, die Rufer in der Wüste, Menschen, die die Zeichen der Zeit erkennen und zur Besinnung aufrufen. Doch ihre Mahnungen werden bisher nur von wenigen gehört. Inzwischen ist es etwa 100 Jahre her, dass Rudolf Steiner uns das lockende Ziel unserer Entwicklung vor Augen hielt:

Denn in Zukunftszeiten müssen die Menschen füreinander sein und nicht einer durch den anderen. Nur so wird das Weltenziel erreicht, wenn jeder in sich selber ruht und jedem gibt, was keiner fordern will.

Was spricht eigentlich dagegen, uns diese wunderbaren Worte j e t z t auf die Fahne unseres Wirkens zu schreiben und damit das Zeitalter der Brüderlichkeit schon heute einzuläuten?!

6 Kommentare zu “Freitags-Gedanken am 22. Februar: Wachstumsschmerzen

  1. Da gebe ich dir vollkommen Recht liebe Ursula! Bei mir verhielt es sich dennoch so, dass gerade aus dem Schmerz heraus , die Erkenntnis ins Leben kam und ich diese auch als solche annehmen konnte! Gerade die schmerzvollen Hürden führen uns dorthin, nicht ausschließlich aber oft.
    Es wäre sehr zu hoffen und zu wünschen, das nicht Schmerzen der Auslöser, in welcher Intensität auch immer, das Ausschlaggebende sind, das zur Erkenntnis und damit zur Brüderlichkeit führen kann.
    Ich wünsche einen schönen Abend und eine recht gute Nacht!
    Alles Liebe,
    Maria

  2. Liebe Ursula,
    die Schmerzen, die wir in unserer körperlichen Existenz empfinden, wie Wachstumsschmerz aber auch seelischer Schmerz oder wenn wir soweit sind, der Weltenschmerz sind alles Aspekte, die uns als Person und auch als Geistwesen ausmachen. Nach meinem Empfinden können wir nur durch diese Art Läuterung, die es letztendlich darstellt, zu unserer Reife gelangen, die uns formt und uns die Gabe verleiht mitfühlende Empathie oder aber auch Abneigung zu entwickeln! Ich sehe es als eine Art verwobenes Konstrukt unserer jeder Individualität! Geprägt aus Moral, Ethik, Verständnis, Mitgefühl, auch Mitleid usw. Hier entsteht auf der emotionalen Ebene eine Struktur die uns maßgeblich prägt. Ich denke, dass wir nur durch diese Struktur auch fähig sind, eine Brüderlichkeit zu entwickeln, vorausgesetzt, wir setzen uns mit diesen Gegebenheiten auseinander und lenken die Dinge in die richtige Richtung! Aus Vorhergegangenen Negativerlebnissen, kann eine tiefe Brüderlichkeit entstehen . Das eine bedingt das andere und deshalb geht das „Eine“ nicht ohne das „Andere“. Hier sind wir wieder bei dem „sowohl als auch“ und damit begründet, das es ohne vermeintliche Negativeinflüsse des menschlichen Erachtens nicht geht! Eins resultiert aus dem anderen.

    Ich wünsche allen ein schönes Wochenende,
    möge der Frühling bald seinen Einzug halten,

    alles Liebe,

    Maria

    1. Liebe Maria,
      vielen Dank für deine Gedanken zum Thema! Grundsätzlich gibt es zwei Arten, in unserer geistigen Evolution voranzuschreiten: den Schmerz bzw. das Leid und die Erkenntnis. Bisher sind wir meistens den Weg des Schmerzes gegangen, der jedoch erträglicher wird, wenn wir wissen und anzunehmen lernen, dass er uns dient, sowohl auf persönlicher Ebene als auch für unser Volk und die ganze Menschheit. Dennoch hoffe ich und wünsche mir, dass wir in Zukunft mehr und mehr fähig sein werden, die zweite Variante zu wählen: die Erkenntnis. Mögen wir eines Tages aus uns selbst heraus die Wahrheit erkennen, die uns frei macht und daraus die reine Liebe zu allen Wesen entwickeln lernen! In ganz besonderer Weise will uns Aura-Soma an dieses Licht der Erkenntnis erinnern und uns den Weg dorthin erleichtern.
      Ich wünsche ein sonniges Vorfrühlingswochenende
      von Herzen
      Ursula

  3. Liebe Ursula,
    Vielen Dank für Deine wunderbaren Ausführungen. Dass wir in einer Übergangsphase unserer Entwicklung sind zeigt sich immer wieder. Viele Menschen erkennen verstandesmäßig dass wir unser egoistisches Verhalten ändern müssen. Trotzdem möchten sie auf nichts verzichten, weil sie noch zu stark von ihren Trieben und Begierden bestimmt werden. Aus Bequemlichkeit und weil das Leben mit all den neuen Errungenschaften so angenehm ist, nehmen wir die Zerstörung unserer Umwelt in Kauf. Die Entwicklung der Empfindungen und der Moral hat bisher nicht mit der Entwicklung des Verstandes Schritt halten können.

    1. Ja, aus dieser, vielleicht etwas nüchterneren Perspektive, können wir es genauso gut betrachten. Wir haben ja noch ein Weilchen Zeit, um unsere Bewusstseinsseele zum vollen Erblühen zu bringen, genau genommen 1500 Jahre, das sind etwa ein bis zwei Inkarnationen für den einzelnen Menschen. Es besteht also noch Hoffnung 🙂

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